A.S. Weber

Die Seziererin

Die Seziererin

von A.S. Weber
Sie begehrt ihn, seit sie denken kann. Nun will sie von seinen Liebhaberinnen lernen – indem sie ihre Leichen seziert, eine nach der anderen. Wer ist die Unbekannte, die jede seiner Geliebten auf brutalste Weise zur Strecke bringt? Nur zwei Dinge weiß Christian: Sie ist eine Frau, und sie ist immer in seiner Nähe. Bis zum Drehtermin nach Australien verfolgt sie ihn. Der TV-Produzent und sein Kameramann Ole müssen den grausamen Morden ein Ende setzen, bevor es zu spät ist. Denn die Besessenheit der Seziererin kennt keine Grenzen. Und ihre kranke Liebe geht bis in den Tod.
Erscheinungsdatum:
15.10.2014
Format:
ePub oder .mobi
Preis:
3,99 €

Kundenrezensionen

Von: Cora 26.10.2014
Inhalt: Seit der Schulzeit ist sie in Christian verliebt. Sie weiß alles über ihn, hat ihn studiert. Seine Frauengeschichten nutzt sie für sich. Sie verfolgt die Affären, seziert deren innerstes Wissen über Christian und tötet sie bestialisch. Doch Christian ahnt nichts, bis die Seziererin sich ihm nähert … Schreibstil: Der Schreibstil ist sehr gut, gleich im Prolog schafft es A. S. Weber mich in die Geschichte eintauchen zu lassen und dem Wahn der Seziererin zu erliegen. “Die Seziererin” spricht immer aus der ich-Perspektive, was die Verrücktheit der Person noch eindringlicher werden lässt und mich richtig mitgezogen hat. Der Rest der Geschichte wird vom Allwissenden Erzähler erzählt und schafft einen gewissen Abstand und dies regt natürlich zum spekulieren an. Der Ausdruck ist gewählt, allerdings sind einige Szenen nicht für Leser unter 16 Jahren geeignet (Gewaltverherrlichung). Charaktere: Die Seziererin hat mir sehr gut gefallen. Durch ihre Art des Denkens und ihre Erklärungen dazu konnte ich mich gut in sie hineinversetzen und konnte – gerade deshalb – sehr gut nachvollziehen warum sie so handelte. Die anderen Charaktere blieben, mir persönlich, zu blass. Ich konnte mir die Personen nicht genügend vorstellen und hatte Schwierigkeiten ihre Handlungen zu verstehen oder mir ihr Leben vorzustellen, dadurch wirkte vieles konstruiert. Cover: Das Cover ist genial und hat mich auf das Buch aufmerksam werden lassen. Fazit: Ein spannendes und fesselndes Buch – jedenfalls bei den Kapiteln der Seziererin. Die anderen Kapitel sind zwar spannend aber teilweise zu langatmig und zu konstruiert – daher ziehe ich auch einen Stern ab. Der zweite Stern geht aufgrund von Grammatik- und Rechtschreibfehlern flöten. Hier ist ein erneutes Lektorat fällig! Bleiben 3 Sterne für die Seziererin und eine Leseempfehlung an Leser, welche wissen möchten wer sich hinter der Seziererin verbirgt.
Von: Hope 17.10.2014
Sie begehrt ihn, seit sie denken kann. Nun will sie von seinen Liebhaberinnen lernen – indem sie ihre Leichen seziert, eine nach der anderen. Wer ist die Unbekannte, die jede seiner Geliebten auf brutalste Weise zur Strecke bringt? Nur zwei Dinge weiß Christian: Sie ist eine Frau, und sie ist immer in seiner Nähe. Bis zum Drehtermin nach Australien verfolgt sie ihn. Der TV-Produzent und sein Kameramann Ole müssen den grausamen Morden ein Ende setzen, bevor es zu spät ist. Denn die Besessenheit der Seziererin kennt keine Grenzen. Und ihre kranke Liebe geht bis in den Tod. Der Klappentext lässt erahnen, dass es hier um keine leichte Kost geht. Annika Sylvia Weber versteht es ausgezeichnet ihre Leser in die Irre zu führen. Die Story wird zum einen im normalen Erzählstil geschildert und gleichzeitig erleben die Leser die Sichtweise der Täterin die sich in kursiver Schrift äußert. Hatte ich ganz zu Beginn noch Mitleid mit der Täterin, so verwandelte dies sich sehr schnell in Fassungslosigkeit und Entsetzen über die überaus brutalen und skrupellosen Morde. Christian der mit zwei seiner ehemaligen Schulkameraden Ole und Jana eine Produktionsfirma betreibt ist das eigentliche Ziel der Täterin. Sie liebt ihn und stellt ihn in ihrer grotesken Liebe auf ein Podest wobei sie jeglichen Bezug zur Realität verliert. Mit den Morden an seinen Geliebten will sie sich deren Attribute aneignen umso die perfekte Frau für ihn zu werden. Christian der sich fast nur um Alkohol und seine Frauengeschichten kümmert bemerkt das Unheil erst viel zu spät. Mir persönlich hat dieser Thriller gut gefallen. Er ist in einem tollen Schreibstil und lässt sich flüssig lesen. Der Spannungsbogen bleibt bis zum Ende erhalten und lies mich immer wieder aufs Neue an meiner Theorie wer die Täterin ist zweifeln. Die Morde sind für Thriller-Fans denke ich blutrünstig genug. Kritikpunkt: Der eigentliche Protagonist Christian kam mir zu unscheinbar rüber. Dabei sollte der Fokus ja auf ihm und der Täterin liegen. Alle anderen Figuren waren stärker charakterisiert und ich konnte einen besseren Bezug zu ihnen aufbauen. Des Weiteren dachte ich immer eine Seziererin seziert die Leichen. Doch hier wurden sie „nur“ grausam ermordet. Das Sezieren geschah mehr auf geistiger Ebene. Darum ist der Titel für mich nicht ganz so gut gewählt, weil ich damit im ersten Schritt eine Obduktion etc. verbunden hatte. Dennoch gibt es eine absolute Leseempfehlung von mir.
Von: Lucy 22.10.2014
Ein Debütthriller von Annika Sylvia Weber, von der ich auch schon ihren ersten Roman, "Die Organisation - Lillys Schweigen" gelesen habe. Der war allerdings Urban Fantasy, also etwas ganz anderes. Hier sieht man, dass sich der Schreib- und Erzählstil in der Zeit zwischen den beiden Romanen gesteigert und verbessert hat. "Die Seziererin" ist rund, in der Spannung, im Storybogen und der Charakterentwicklung. Zur Geschichte: Seit ihrer Kindheit liebt die Seziererin Christian, der, obwohl charakterlich schwach und ein Frauenheld, für sie das Sinnbild der wahren Liebe ist. Sie setzt alles daran, ihn für sich zu gewinnen - und schreckt auch vor Mord nicht zurück! Aber wer ist die Seziererin? Jede Protagonistin des Romans könnte es sein und das macht den Thriller so spannend - man rätselt jede Sekunde mit. Der Charakter der Seziererin selbst, obwohl er reinstes Psychopathen-Material ist, ist nachvollziehbar - in der Kindheit der Mörderin liegt der Schlüssel und so hat man stellenweise sogar Mitleid. Das schlägt schnell um, doch trotzdem nimmt man ihr ihre Handlungen ab. Ein Thriller im Stile von P.J. Tracys Debüt "Spiel unter Freunden" - man weiß nie, was passiert! Ich bin gespannt, wie es mit der Autorin weitergeht und hoffe, dass sie der Richtung treu bleibt. Da geht noch was!
Von: Yunika 29.10.2014
Sie ist von Christian besessen, denn er ist ihre Liebe des Lebens. CHristian ist der Besitzer eine Produktionsfirma. Als die Redakteurin und Affaire brutal ermordet wird, ahnt keiner, dass dieser Mord mit Christian zusammen hängt. Als die ehemalige Klassenkameradin Charlotte auftaucht ist das Chaos perfekt. Sie springt spontan als Redakteurin ein und es geht nach Australien. Als dort die Tochter des Ranchbesitzer brutal hingerichtet wird, nachdem sie eine Affaire mit Christian hatte, beginnt die Situation zu eskalieren. Ein wahnsinnig spannendes Buch. Ich habe ganze zwei Tage für dieses Buch gebraucht und konnte es kaum aus den Händen lesen. Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen und mich sehr angesprochen. Das Buch war so sehr leicht und gut zu lesen. Die Umgebungen konnte ich mir gut Vorstellen und waren gut Beschrieben. Genauso auch die Characktere. Es scheint, dass die Characktere alle eine psychische Störung haben. Aber das war nicht störend. An sich waren die Characktere sehr schlüssig beschrieben und sind sich treu geblieben. Ich habe alle sehr schnell ins Herz geschlossen. Das Einzige, was etwas gestört hat ist, dass Ole der strahlende Held ist. Das meiste der Geschichte dreht sich um ihn und die zwei Frauen um ihn herum. Er leitet praktisch die Firma und Christian ist lediglich Säufer und Frauenheld. Man hat relativ schnell herausgefunden, dass eine von den Mädels die Mörderin sein muss. Aber es passt irgendwie keine so richtig in das Bild, da beide Mädels in Ole verliebt sind. Es hat mir richtig gut gefallen mitzurätseln. Die Abschnitte aus der Sicht der Mörderin waren der Wahnsinn. Die liefen einem kalt den Rücken herunter. Davon hätte ich mir mehr Szenen von gewünscht. Die normalen Erzählungen hatte auf mich nicht so sehr wie ein Thriller gewirkt, dafür haben die Szenen aus der Perspektive der Mörderin das wieder herausgerissen. Das Ende fand ich ein wenig verwirrend. Für mich hatten alle Sachen auf die eine hingedeutet und dann wurde man überrascht. Wer jetzt wirklich die Täterin ist und was das ganze zu bedeuten hat, wird erst im Epilog aufgeklärt.
Von: Nelly 16.11.2014
[ Inhalt ] Der Prolog wird aus der Sicht eines jugendlichen Mädchens erzählt, die in ihrer Klasse eine Außenseiterposition inne hat. Sie gehört nirgends dazu, weder zu den angesagten Klassenkameraden noch zu den Losern. Doch schon in ihrem zarten Alter hat sie sich Hals über Kopf und auf eine krankhafte Art und Weise in ihren Klassenkamerad Christian verliebt. Das Mädchen kann es nicht ertragen, dass andere Mädchen ihrem Schwarm schöne Augen machen. Und so begeht sie im zarten Alter von 14 Jahren ihren ersten Mord. Als Erwachsene fängt sie systematisch an, die Frauen, welche ihren Weg in Christians Bett gefunden haben, zu studieren, deren Charakterzüge anzunehmen und sie dann aus dem Weg zu räumen. [ Cover ] Das Buch landete vor allem wegen seines Covers auf meiner Wunschliste. Mir persönlich gefällt es unglaublich gut, da ich gerne zu Büchern greife, die etwas blutiger sind. Die zusammengenähnte Haut, das Blut und die rote Schrift haben mich sofort angesprochen und ließen einen spannungsgeladenen Thriller erwarten. [ Das hat mir gefallen ] Die Story beginnt bereits im Prolog mit einem Paukenschlag. Ein junges Mädchen scheint von jetzt auf gleich einen totalen Aussetzer zu haben und bringt eine Klassenkameradin im Schwimmbad um. Dabei fielen mir vor allem zwei Dinge auf: Zum einen lese ich immer mit Spannung Thriller und Krimi, in denen mal eine Frau die gesuchte Mörderin ist. Bisher kamen mir in dieser Konstellation nur wenige Bücher unter und daher bin ich immer gespannt, wie der jeweilige Autor dies umsetzt. Die Geschichte unterscheiden sich meiner Meinung nach schon sehr von solchen, in denen Männer morden. Wo dort zumeist irgendwelche Psychopathen am Werke sind, handeln Frauen doch aus ganz anderen Beweggründen. Und genau diese Beweggründe sind im vorliegenden Buch so spannend. Die Killerin hat das Ziel ihren Angebeteten für sich zu gewinnen, in dem sie dessen Verflossenen ganz genau studiert und deren Charakterzüge annimmt. Eine solche Idee ist mir bisher auch noch nicht untergekommen. Als zweites ist mir der spezielle Schreibstil der Autorin aufgefallen. Die Erzählsicht wechselt zwischen einem allwissenden dritten Erzähler und der Ich-Sicht der Mörderin. Dadurch werden deren Gedanken und Gefühle noch mehr in den Vordergrund gestellt. Auch Gründe für ein solch krankes Verhalten werden aufgezeigt. Da wurde von der Autorin viel gewagt, doch die Idee wurde gut umgesetzt. [ Das hat mir nicht gefallen ] Mehrere Kritikpunkte sind mir nach Beenden des Buches in Erinnerung geblieben. Der wohl größte ist die Irreführung durch den Titel, das Cover und den Klappentext. Zwar konnte mich die Idee der Story überzeugen, allerdings hatte ich mir etwas anderes erhofft und auch erwartet. Auf dem Klappentext heißt es: "Nun will sie von seinen Liebhaberinnen lernen, indem sie ihre Leichen seziert." Doch weder hat die Mörderin irgendwelche Verbindungen zur Pathologie, noch schneidet sie die Leichen auf oder tut ähnliches. Schade... Da geht man schon mit falschen Erwartungen an das Buch ran, die dann eben nur enttäuscht werden können. Außerdem fand ich zu keinem der Personen einen richtigen Zugang, weder zur Killerin selbst (wäre ja auch irgendwie besorgniserregend gewesen), noch zum Objekt ihrer Begierde oder zu sonst einem Protagonist. Alle Charaktere haben eine Tiefe vermissen lassen. Das hat mir persönlich auch den Einstieg in das Buch wirklich erschwert. Schließlich kommt noch hinzu, dass das Buch sowohl einige Rechtschreibfehler als auch Satzzetzungsfehler und auch überflüssige bzw. fehlende Wörter aufweist. Leider scheint sich ein fehlendes Korrekturlesen bei Büchern, die lediglich als eBooks veröffentlicht werden, wie eine Krankheit auszubreiten. Das schmälert nicht nur das Lesevergnügen, sondern erschwert auch ein flüssiges Lesen. [ Fazit ] "Die Seziererin" ist leider nur ein durchschnittlicher Thriller, dem zwar eine gute Idee zugrunde liegt, aber nicht die Erwartungen erfüllt, die aufgrund Titel, Cover und Klappentext entstehen. Da das Buch aber auch nur knapp 200 Seiten "stark" ist und es sich damit recht schnell wegliest, ist als leichte Literatur für nebenher durchaus geeignet.
Von: anke-liest.blogspot.com 28.11.2014
Hallo Leute! Heute darf ich euch mal wieder ein spannendes Buch vorstellen. Genaugenommen ist es diesmal ein Ebook... Danke an bloggdeinbuch für die Bereitstellung. Die Seziererin ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ Daten ^^^^^^^^ Autorin: Annika Sylvia Weber Verlag: Books2Read Preis: 3,99€ Inhalt ^^^^^^^^^ Sie begehrt ihn seit sie denken kann. Als dicklicher Teenager kommt sie schon nicht an Christian heran. Im Gegenteil, sie leidet schwer unter dem Mobbing ihrer Mitschüler, macht beim Schwimmunterricht nicht mit und wird auch sonst eigentlich nur herumgeschubst. Doch als Christian dann eine Freundin hat, wird sie das erste mal zu einer kaltblütigen Mörderin. 14 Jahre später: Christian leitet eine erfolgreiche Filmproduktionsfirma und leistet sich die eine oder andere Affäre. Nach einer Liebesnacht wird die aktuelle Produktionsassistentin kaltblütig ermorden - sie wird vollständig seziert und zwar, um herauszufinden, was man alles braucht, um Christian ins Bett zu ziehen. Doch Christian kann seine Produktion auf einer Rinderfarm in Australien nicht stoppen. Er stellt Charlotte an, die den Auftrag übernimmt. Charlotte und Christian fliegen gemeinsam mit Ole und Jana nach Australien. Dort kommt es, wie es kommen muss. Christian landet mit der unkomplizierten Farmerstochter im Bett. Einen Tag später finden Charlotte und Jana die grausam zugerichtete Leiche. Alle Frauenleichen haben 2 Dinge gemeinsam: Die Frauen waren mit Christian im Bett und sind seziert. Fazit ^^^^^^^^^^^^^^^^ Die Geschichte an sich ist durchaus gelungen und könnte durchaus der Feder der Autoren zum Beispiel von Criminal Minds entsprungen sein. Die Geschichte holt wirklich die Gänsehaut heraus, gerade weil eigentlich recht bald herauskommt, wie die Morde zusammenhängen, nur wer der Mörder ist und warum er bzw. sie mordet, wird erst spät klar. Die Gänsehaut bleibt fast bis zur letzten Seite. Was mir nicht so gefällt, sind die ständigen Perspektivwechsel. Mal erzählt der eine in der Ich-Perspektive, mal jemand anderes - das wirkt irgendwie manchmal ziemlich konfus. Auch die Sprache stört mich - es hat ein kleines bisschen von einer 14-jährigen, die die Geschichte schreibt. Auch fallen zahlreiche Rechtschreibfehler auf - die sollte man bei einem E-Book dann doch mal korrigieren. Die Geschichte an sich würde von mir 4-5 Sterne bekommen, aber die Sprache und die vielen Fehler trüben den Lesespass. In diesem Sinne Eure Anke
A.S. Weber

A.S. Weber

Annika Sylvia Weber wurde 1984 in Marburg an der Lahn geboren. Unbekanntes zu erforschen, einen Einblick in das Leben und die Psyche Anderer zu erhaschen, faszinierte sie schon immer. Deshalb studierte sie Journalistik in Hannover und zog nach Köln, um dort als TV-Redakteurin ihre Brötchen zu verdienen. Wenn sie nicht um die Welt reist, erlaubt ihr Katze Mindy gnädig, die Wohnung mit ihr zu teilen.

Widmung

Für Janina, die einen waschechten Psychopathen zu schätzen weiß.

Prolog

Da ist er. Mein Christian.

Während er sich am Rand aufstützt, um aus dem Becken zu klettern, tropft Wasser aus seinen blonden Haarspitzen auf seinen Rücken. Heute trägt er die blau karierte Badehose. Die, bei der ihm der Stoff bis zu den Knien reicht. Nicht die kurze, kleingemusterte. Bevor mein Blick zu den vertrauten drei kleinen Flecken auf seinem rechten Schulterblatt wandern kann, die aussehen wie das Sternbild Orion, wende ich mich ab. Ich weiß, dass er gleich in meine Richtung kommen wird. Nachdem er aus dem Wasser steigt, geht er immer links am Beckenrand vorbei, auf meiner Seite. Niemals rechts.

Er darf nicht merken, was ich für ihn empfinde.

Er kennt mich nicht so, wie ich ihn kenne. Aber das werfe ich ihm nicht vor.

Ich starre auf meine Socken. Omasocken. Handgestrickt. Uncooler geht es kaum. Außerdem sind sie feucht, wie immer, wenn wir Schwimmunterricht haben. Der Boden im Hallenbad ist ständig nass. Und obwohl ich nie am Unterricht teilnehme, sehen meine Zehen nach der Doppelstunde jedes Mal aus wie verschrumpelte Würstchen. Mit faltiger Alte-Leute-Haut drum herum.

Vater schreibt mir die Entschuldigungen. Natürlich denken die anderen, dass es an meinem Gewicht liegt. Und ganz sicher will ich mich nicht im Badeanzug zeigen. Von einem Bikini träume ich noch nicht mal. Dann könnten ja alle die drei Fettringe sehen, die über meinem Höschenbund hängen. Manchmal, wenn ich mich morgens umziehe, streife ich meine Haut an dieser Stelle nach hinten. Dann ist mein Bauch schön glatt, so wie bei den anderen Mädchen in meiner Klasse. Aber auch, wenn ich plötzlich abnehmen würde, abnehmen könnte, man würde immer noch die Schwangerschaftsstreifen sehen, hätte ich einen Bikini an. Also lohnt es eh nicht, darüber nachzudenken. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Unfair. Carola, die gerade von Olli ins Becken geschubst wird und es selbst dabei immer noch schafft, wie ein Model zu wirken, ist wirklich schwanger gewesen. Und hat trotzdem keine breiten, weißen Narben am Bauch. Geschweige denn einen Bauch. Okay, sie hat es wegmachen lassen. Aber über sie lacht keiner. Im Gegenteil.

Während ich sie weiter beobachte, spritzt ihr Matthias Wasser ins Gesicht. Daraufhin präsentiert sie ihren schönsten Schmollmund, lacht dann laut, als Matze sich entschuldigen will, und taucht ihn unter Wasser. Ihr Bikini-Oberteil verrutscht leicht, und obwohl sie den Stoff sofort zurechtrückt, fallen Olli und Matthias fast die Augen aus dem Gesicht.

Direkt neben mir macht Hans eine Arschbombe. Vermutlich kein Zufall, aber ich habe Glück: Nur ein paar Tropfen landen auf meinem Haar und meiner Brille. Ich nehme die Brille ab und putze sie mit dem Ärmel meines Pullovers. Dabei schaue ich wieder an mir herunter. Carolas Oberweite habe ich auch. Aber dafür kann der Rest von mir nicht mithalten. Ich bin von einem Jahr aufs andere auseinander gegangen wie ein Hefekuchen. Früher war ich immer das dünnste und größte Mädchen in der Klasse. Als wir alle noch klein waren. Beliebt bin ich trotzdem nicht gewesen.

Die Erwachsenen haben mich immer mit einem kleinen Jungen verwechselt, weil Mutter mir regelmäßig einen Topfschnitt verpasst hat. Einmal mit der Schere rund um den Kopf, kurz über den Ohren angeschrägt. Aber Gott sei Dank hat Vater vor zwei Jahren, an meinem 12. Geburtstag, beschlossen, dass Mädchen in meinem Alter wie Mädchen aussehen sollten. Deshalb hat mein Haar seitdem keine Schere mehr gesehen.

Wenigstens verwechselt mich jetzt keiner mehr mit einem Jungen. Dafür sind meine langen Haare meist fettig, weil ich sie nur einmal die Woche waschen darf. Aber wenn ich sie mit einem Samtgummiband eng an den Kopf binde, fällt das nicht so sehr auf. Dann habe ich auch weniger Pickel, weil mir die Strähnen nicht in die Stirn fallen können. Deshalb trage ich mein Haar auch meist im Bett nach hinten gebunden. Davon bekomme ich zwar Kopfschmerzen. Aber immer noch besser, als von den anderen ausgelacht zu werden. Ich meine, mehr als sonst.

Mutter sagt immer, dass es nicht auf das Äußere eines Menschen ankommt. Ich denke aber nicht, dass sie das wirklich glaubt. Sonst würde sie nicht jeden Morgen eine Stunde vor dem Spiegel stehen. Sie schminkt sich sogar. Ich darf das nicht. Vater und Mutter meinen, ich wäre dafür noch zu jung. Und dass die anderen Mädchen das dürfen, ist in unserem Haus kein Argument. Wenn ich jedes Mal zehn Pfennige bekommen würde, wenn ich: „Wenn die anderen aus dem Fenster springen, springst du dann auch hinterher?“ gehört hätte, wäre ich Millionärin. Ganz ehrlich.

Vielleicht stimmt es sogar. Dass Aussehen für Erwachsene nicht so wichtig ist, meine ich. Ich sehe genug Leute auf der Straße, die keinen zweiten Gedanken auf ihr Spiegelbild zu verschwenden scheinen. Unglücklich wirken sie nicht. Und von den anderen Erwachsenen schaut sie auch keiner abwertend an oder lacht über sie.

In meiner Welt ist das anders. In unserer Welt. Wenn du nicht die richtigen Klamotten trägst, nicht dünn bist, nicht geschminkt, dann bist du nichts wert. Wenn du anders bist. Also kurz gesagt: Wenn du bist wie ich.

Meist kann ich damit ganz gut umgehen. Die blöden Sprüche bin ich schon gewöhnt. Ich kenne jedes neue Wort für hässlich, das sich die Jungs aus meiner Schule ausdenken können. Mit Schimpfwörtern kann ich leben.

Und die Mädchen sagen noch nicht mal was Schlimmes zu mir. Sie reden nur hinter meinem Rücken. Ich tue so, als würde ich es nicht merken. Und sie tun so, als könnten sie mich leiden. Auch damit kann ich leben.

Es ist schon komisch. Ich glaube, sie denken wirklich, ich würde ihre Absichten nicht merken, wenn sie mich in ernstem Ton fragen, welches Deo ich benutze, damit sie es sich nachkaufen können. Oder Interesse an dem neusten Buch heucheln, das ich in den Pausen lese. Als ob ich dumm wäre oder so.

Vielleicht unterschätze ich sie aber auch. Denn auf diese Art und Weise können sie mich demütigen, ohne dass ich es ihnen beweisen kann, sollte ich sie mal verpetzen. Was ich natürlich nicht tun werde. Denn erstens würden sie mir das Leben zur Hölle machen. Und zweitens würde dann auch Christian Ärger bekommen, denn er ist immer dabei. Und das darf nicht passieren.

Gerade, als der Chlorgeruch wirklich unerträglich wird, bläst Frau Burg in ihre Trillerpfeife. Das Geräusch hallt von den Wänden wieder. Aber das Geschrei, das Platschen und das Gelächter hören trotzdem nicht auf. Die Stunde ist zu Ende, und wie immer dauert es Ewigkeiten, bis alle aus dem Wasser sind. Keiner hat Lust auf Mathe im Anschluss. Ich bleibe sitzen. Ich will als Letzte das Schwimmbad verlassen. Sie sollen keine Gelegenheit haben, mir einen blöden Spruch zu drücken, wenn ich mit ihnen zur nächsten Stunde gehe. Ich komme dann zwar meist zu spät, aber lieber einen bösen Blick von Herrn Kohlhausen als eine Bemerkung über meine Figur im Badeanzug oder die nur scheinbar gut gemeinten Diät-Vorschläge meiner Klassenkameradinnen.

Während ich langsam auf meiner Bank nach vorne rutsche, hilft Olli Carola aus dem Wasser. Die beiden schleichen sich an Christian heran, und Olli lässt Christians Hosenbund schnalzen. Christian macht einen Satz nach vorne, dreht sich um und schüttelt seinen Kopf wie ein nasser Hund sein Fell. Carola quietscht laut, denn sie bekommt das meiste ab. Olli zeigt Christian den Finger. Beide Jungs lachen. Christian streicht sich das nasse Haar aus der Stirn und ich wünschte, ich dürfte es einmal anfassen.

Wenn ich sage, dass Christian immer dabei ist, wenn es die anderen auf mich abgesehen haben, dann meine ich damit, körperlich anwesend. Das ist alles. Denn er gehört nun mal zu der Gruppe der coolen Jungs. Natürlich gehört er dazu. Wenn bisher noch nicht bewiesen wurde, wie wichtig Aussehen ist, dann bestätigt sich das spätestens, wenn man ihn sieht. Groß, blond, die schönsten braunen Augen. Er sieht aus wie Benjamin von Caught in the Act. Klar, dass alle Mädchen auf ihn stehen. Aber ich würde ihn auch lieben, wenn er nicht so aussehen würde. Wenn er jetzt zum Beispiel einen Unfall hätte, so richtige Narben im Gesicht hinterher oder so was, wäre mir das total egal. Denn ich weiß, wie er wirklich ist.

Er ist der einzige Junge, der normal mit mir redet und sich auch wirklich für das interessiert, was ich zu sagen habe. Einmal hat er mich nach dem Buch gefragt, was ich gerade lese, weil er den ersten Teil der Serie kannte. Und er hat nicht nur so getan, sondern wusste wirklich Bescheid. Ich habe ihm dann angeboten, mein Buch auszuleihen. Ich bin zwar rot wie eine Tomate geworden, aber ich habe mich wirklich getraut. Und er hat sich richtig bedankt und den Roman mit nach Hause genommen. Das war letztes Jahr vor den Sommerferien. Bisher hat er mir das Buch noch nicht zurückgegeben, was ich total super finde, weil es bedeutet, dass ich ihn immer mal wieder darauf ansprechen kann. Vielleicht hat er das sogar extra aus dem Grund gemacht.

Okay, so was passiert nur in Dawson’s Creek. Aber jetzt weiß er, dass ich einen guten Geschmack besitze und dass wir ähnliche Interessen haben. Und immer, wenn er das Buch sieht, denkt er an mich.

Ansonsten hat er mich auch schon ab und zu nach den Hausaufgaben gefragt. Aber er hält Abstand zu mir, weil ich die Einzige bin, die weiß, dass sein sorgloses, cooles Auftreten nur Fassade ist.

Christian muss ziemlich oft nachsitzen, weil er fast jeden Tag zu spät kommt. Und einmal habe ich zufällig gehört, wie Herr Kohlhausen ihn im Schulflur darauf angesprochen und gefragt hat, was seine Eltern dazu sagen. Ich kam gerade vom Klo, und die beiden haben mich nicht bemerkt. Also habe ich die Tür bis auf einen kleinen Spalt wieder zugemacht. Und Christian hat Herrn Hartung erzählt, dass seine Eltern sich scheiden lassen und er eigentlich die meiste Zeit bei seinem älteren Bruder wohnt, deshalb wisse er ehrlich gesagt nicht, was seine Eltern dazu zu sagen hätten.

Ich habe dabei die ganze Zeit sein Gesicht beobachtet, und obwohl er so getan hat, als wäre ihm das egal, konnte ich sehen, wie er tief im Innern leidet. Blöderweise hat er dann an Herrn Kohlhausen vorbei geguckt und mich gesehen, und ich habe mich in der Toilette versteckt. Als ich rauskam, war Christian weg. Es muss ihm bestimmt sehr peinlich gewesen sein, und er hat mich auch nie darauf angesprochen.

Nachts im Bett stelle ich mir vor, wie ich zu ihm hingehe und ihm sage, dass es okay ist. Dass er sich nicht schämen muss, nicht vor mir. Und dann weist er mich erst zurück, aber ich lasse nicht locker und umarme ihn, und dann bricht er in meinen Armen zusammen und lässt sich von mir trösten.

Aber das traue ich mich natürlich nicht. Noch nicht.

Frau Burg klemmt sich die Schwimmnudeln unter den Arm und ruft nach Christian, Carola und Olli. Die albern immer noch am Beckenrand rum, und Frau Burg muss zweimal rufen. Keiner der Vier schaut auch nur ansatzweise in meine Richtung.

Ich weiß, dass Frau Burg einmal Vater angerufen hat. Ich habe nicht mitbekommen, was sie gesagt hat, weil ich das Gespräch nur an unserem Ende der Leitung mitbekommen habe. Aber das dafür umso deutlicher. Seitdem schaut mich Frau Burg immer komisch an. Aber gesagt hat sie nie etwas zu mir.

Christian stößt Olli in die Seite und legt dann einen Arm um Carola. Von der einen auf die andere Sekunde fühlt es sich an, als würde mein Herz so sehr anschwellen, dass es mir die Atemwege zuschnürt. Mir wird heiß am ganzen Körper, während die drei Frau Burg folgen. Mein Herz rast.

Plötzlich taucht Carola unter Christians Arm weg. Sie sagt etwas zu den beiden Jungs, nachdem die Tür hinter Frau Burg zugefallen ist. Olli nickt und die Jungs gehen in die Männerumkleide. Ich sehe Christian hinterher und merke zu spät, was ich tue. Mein Blick huscht in Carolas Richtung.

Sie geht weiter in Richtung Schwimmbecken, aber sie verzieht ihren Mund. Sie hat es gemerkt. Mir steigt das Blut in den Kopf, und ich starre wieder auf meine Socken. Bitte, bitte, lass sie nichts sagen, bitte, flehe ich innerlich. Dann höre ich es platschen. Carola ist noch einmal ins Becken gesprungen und taucht jetzt in der Mitte auf den Boden.

Ich stehe schnell auf und greife nach meinem Rucksack. Dabei trete ich in eine große Pfütze und das Gefühl der nassen Wolle zwischen meinen Zehen erzeugt eine Gänsehaut, die sich über meinen ganzen Körper zieht.

Carola wird es allen erzählen. Im Prinzip ist mir das egal. Für mich wird sich nichts ändern. Aber was, wenn es Christian dann zu peinlich ist, mit mir in Verbindung gebracht zu werden? Auch, wenn ich weiß, dass er innen drin anders ist – in dem Fall müsste er seinen Status in der Clique verteidigen. Dann muss er so tun, als könne er mich nicht leiden und spricht vielleicht nie wieder mit mir. Oder fängt auch an, mir Sachen hinterherzurufen, damit nicht auffällt, dass er mich mag. Aber selbst, wenn ich die Gründe kenne – ich würde es nicht überleben, wenn er mich auch nur einmal „dickes Schwein“ oder „Fetti“ nennt.

Hinter mir höre ich das Wasser über den Beckenrand schwappen. Dann ruft Carola nach mir.

Soll ich sie ignorieren? So tun, als hätte ich sie nicht gehört? Je weniger ich mit ihr zu tun habe, desto besser. Mein Gesicht ist immer noch feuerrot. Wenn sie mich sieht, weiß sie hundert Pro, dass das, was sie vielleicht jetzt nur vermutet, stimmt.

Ich gehe weiter, aber Carola ruft wieder nach mir und dann: „Kannst du mir bitte helfen? Ich habe meine Kontaktlinsen nicht an und mir muss mein Armband hier eben abgefallen sein. Der Verschluss hat ‘ne Macke. Kannst du vom Rand mal gucken?“

Noch drei Schritte und dann hätte ich die Mädchenumkleide erreicht. Ich strecke sogar schon meine Hand nach der Schwingtür aus Spanplatten aus, von deren Ecken sich seit Jahren die orangefarbene Plastikverkleidung löst. Aber bevor ich sie aufstoßen kann, höre ich: „Mann. Nicht nur fett, sondern auch schwerhörig, oder was?“

Ich bleibe stehen. Mein Gesicht brennt, die Haut darüber pocht, und mein Pullover klebt unter den Achseln. Ich lasse den Kopf hängen und drehe mich langsam um. Meine Füße schlurfen durch die warme Nässe. Ich gucke erst nach oben, als ich das Schwimmbecken erreicht habe. Carola hat ihre Arme locker auf den Rand gelegt und tritt Wasser mit ihren perfekten, schlanken Beinen. In ihrem grünen Bikini und mit ihren langen Haaren sieht sie aus wie eine Meerjungfrau. Sie runzelt die Stirn, öffnet den Mund, als würde sie was sagen wollen und schließt ihn dann wieder.

Im klaren Wasser sehe ich ihr silbernes Armband glitzern. Ich deute darauf und senke dann den Blick.

„Mann“, flüstert Carola und schüttelt den Kopf. Es klingt fast erstaunt. Dann taucht sie unter.

Als sie wieder durch die Wasseroberfläche nach oben schnellt, stehe ich an der Leiter, die aus dem Becken führt. Sie paddelt darauf zu und legt ihre Finger rechts und links um die Handläufe. Sie blinzelt Wasser aus ihren Augen und schaut mir dann direkt ins Gesicht. Ich glaube nicht, dass sie das schon jemals getan hat. Keiner von ihnen hat das.

„Hör mal“, sagt sie.

„Es tut mir leid, was ich eben gesagt hab. Echt. Aber warum musst du denn auch immer so … so …“ Sie runzelt wieder die Stirn und fährt dann fort: „Wenn du mal deine Haare waschen oder dir vernünftige Klamotten anziehen würdest, sähe die Sache schon ganz anders aus. Du würdest ganz anders aussehen.“

Sie guckt erst meine Wollsocken, dann meine ausgeleierte Jeans und meinen riesigen Pulli an, bis ihr Blick wieder auf meinem ungeschminkten Gesicht landet. Wasserperlen haben sich in ihren langen Wimpern verfangen. Die Haut zwischen meinen Augen spannt. Ein neuer Pickel für meine Sammlung.

Dann zuckt Carola mit den Schultern und sagt: „So wird das nichts mit Christian, das kannst du knicken.“

Sie stellt die Füße auf die unterste Sprosse. Das silberne Armband lugt zwischen ihrem Ring- und kleinen Finger der rechten Hand hervor. Ich bemerke zum ersten Mal den goldenen Flaum auf ihren Wangen.

Bevor sie sich nach oben stemmen kann, kreische ich, so laut ich nur kann. „Hilfe! Hilfe!“

Carola zuckt zusammen. Ich kann förmlich das Fragezeichen sehen, das über ihrem Kopf schwebt. Sie wirkt wie eine Comicfigur. Wie der Coyote, der vergeblich versucht, den Roadrunner zu fangen, aber von dem Vogel jedes Mal überlistet wird. Genauso dumm. Genauso ahnungslos.

„Hilfe! Carola ist ausgerutscht! Hier ist überall Blut, warum hilft denn keiner?!“, schreie ich.

Der Hall verstärkt meine Stimme und lässt meine Worte hohl klingen.

Carola schaut mich weiterhin an wie der Coyote, der einen Amboss auf sich zu schwingen sieht und trotzdem nicht ausweicht. Ich beuge mich nach unten, schlinge ihr perfektes, blond gesträhntes Haar um meine linke Faust und reiße ihren Kopf nach hinten, soweit es nur geht, während ich mich mit der rechten Hand an der Leiter festhalte.

Ich schmettere Carolas Stirn gegen den Beckenrand. Mit aller Kraft. Es knackt. Carolas Augen verlieren ihren Fokus. Und ihren Glanz. Ich lasse sie los, und sie sinkt langsam und anmutig. Die letzten Luftblasen ihres Lebens steigen an die Wasseroberfläche. Ihre Haare gleiten durchs Wasser und mischen sich mit roten Schlieren, die sich wellenförmig ausbreiten. Wie schön das aussieht!

Seit ich um Hilfe gerufen habe, sind nur einige Sekunden vergangen, aber schon höre ich die Tür hinter mir gegen die Wand schlagen. Hätte ich überhaupt schreien sollen? Vielleicht ist sie gar nicht tot. Wenn ich gewartet hätte, wäre sie vielleicht ertrunken.

Zu spät, um sich über verschüttete Milch Gedanken zu machen. Ich höre das ungewohnte Geräusch vieler Schuhsohlen auf den Fliesen, das Quietschen von Gummi und einen kurzen Schrei, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Deshalb sollte man im Schwimmbad keine Schuhe tragen. Ausrutschgefahr.

Aber bei dem einen Schrei bleibt es nicht. Es hört sich so an, als würden sich alle Mädchen in meiner Klasse übertönen wollen. Ein, zwei Jungs sind auch dabei. In dem Chaos aus Stimmen kann ich kein vernünftiges Wort ausmachen, aber eigentlich ist das auch nicht wichtig. Es redet ja auch sonst keiner mit mir.

Frau Burg und Olli springen fast zeitgleich ins Becken, obwohl das Springen vom Beckenrand verboten ist. Beide wollen Carola retten, aber in ihrem Eifer zerren sie sie in zwei verschiedene Richtungen. Und keiner denkt daran, ihren Kopf hochzuhalten. So viel also zum Lehrgang für Rettungsschwimmer, den wir alle hinter uns bringen mussten.

Endlich haben Frau Burg und Olli es geschafft, Carola auf den Rücken zu drehen. Marina steht direkt neben mir und hört nicht auf zu schreien. Ich wünschte, sie würde die Klappe halten, denn ihre Stimme verträgt sich wirklich nicht mit dem Anblick von Carolas Haar, das wie ein Vorhang aus Seidenfäden hinter ihr durchs Wasser gleitet. Das hat so etwas Friedliches, und Marina macht das richtig kaputt.

Marina hört auf zu schreien, von einer Sekunde auf die andere, als hätte ihr jemand die Luft abgeschnitten. Das liegt sicher an Carolas Gesicht. Jetzt weiß ich zumindest, dass sie tot ist. Ich habe sogar noch mehr Kraft, als ich mir zugetraut hätte. Ihre Stirn sieht zerknittert und eingedrückt aus, und ich kann direkt in ihren Kopf hinein sehen. Wortwörtlich, wirklich. Weiße Splitter in grauer Masse. Interessant. Wie in meinen Büchern.

Ich versuche, mir alles so genau wie möglich einzuprägen. Carolas Stirn. Frau Burg, deren weißer Trainingsanzug um die Taille einen leicht rosafarbenen Ton annimmt und ihr am Körper klebt. Olli, der sich plötzlich ins Wasser übergibt. Der Geruch von Erbrochenem, der sich mit dem scharfen Chlorgeruch vermischt. Laute Stimmen, Marinas Keuchen in meinem Ohr. Carolas leere Augen. Sie hat immer noch den Körper einer Meerjungfrau. Aber jetzt weiß ich, dass sie in Wahrheit eine Comicfigur ist. Wile E. Coyote, nachdem er mit einem Amboss in Berührung gekommen ist. Nur dieses Mal kann der Coyote nicht wieder aufstehen und neue Pläne gegen den Roadrunner schmieden.

Ich darf kein Detail vergessen. Dann habe ich eine brandneue Erinnerung, mit der ich mir nachts die Zeit vertreiben kann. Vater und Mutter ziehen die Nylonseile um meine Hand- und Fußgelenke in letzter Zeit immer so straff, so dass ich kaum einschlafen kann. Ich glaube, es liegt daran, dass sie sich wieder öfter streiten. Dann werden sie immer besonders kreativ, um es nicht aneinander auszulassen. Was allerdings auch bedeutet, dass ich nicht am Schwimmunterricht teilnehmen kann, selbst wenn ich wollen würde. Die aufgeschürften Stellen sind ziemlich entzündet und nässen. Dann würde es nicht bei einem Telefonat von Frau Burg bleiben. Der Wollpullover mit den überlangen Ärmeln ist sicherer.

Ich habe das Gefühl, dass mir die Erinnerung an den heutigen Tag über einen längeren Zeitraum gute Dienste leisten wird, wenn ich im Keller an meinen Balken gefesselt lehne. Natürlich reicht sie nicht annähernd an die Vorstellung von Christian heran, der mir seine Liebe gesteht. Aber sie wird sicher eine willkommene Abwechslung bieten, wenn die Stunden einfach nicht aufhören wollen, sich wie Kaugummi zu ziehen.

Wo ist Christian? Ich sehe mich nach ihm um und reibe mir dabei die Handgelenke. Wenn Vater das sehen würde, wäre mir eine ganz besondere Nacht sicher, ohne Kleidungs- und Toilettenprivilegien. Ich zwinge mich, aufzuhören, auch wenn Vater nicht hier ist und gerade jetzt keiner Verdacht schöpfen würde, selbst wenn ich mir die Ärmel hochkrempelte. Aber sicher ist sicher.

Christian steht neben Matthias, hat die Arme um sich selbst geschlungen und zittert. Aber er muss sich nicht übergeben oder weinen. Sensibel, aber stark. So hätte ich ihn auch eingeschätzt. Ich würde gerne rüber gehen und ihm die Hand auf die Schulter legen. Vielleicht etwas Aufmunterndes sagen. Aber dann würden alle sehen, wie nah ich ihm stehe, und ich habe ja gerade erst verhindern können, dass meine Tarnung auffliegt. Das wäre dumm.

Ich reiße meine Augen auf, bis sie anfangen, zu brennen. Irgendwann werden sie Fragen stellen. Und dann wäre es besser, wenn ich zumindest ein bisschen weinen würde. Das machen Mädchen so. Habe ich auch getan, als die Polizei vor der Tür stand und nach den verschwundenen Katzen und Hunden in der Nachbarschaft gefragt hat. Außerdem kann es nicht schaden, wenn Christian denkt, dass ich auch sensibel bin. Männer mögen Frauen, die sie beschützen können. Und ich würde alles tun, damit Christian erkennt, dass wir zusammen gehören. Alles.

1. KAPITEL

14 Jahre später

 

Marlon schnippte mit den Fingern vor dem Funkmikro.

„Kannst du einen Ausschlag sehen?“, fragte er und schaute hoch.

Ole schüttelte den Kopf. Auf dem kleinen, ausklappbaren Display der Kamera schlug nur einer der beiden übereinanderliegenden Balken aus.

„Headmikro funktioniert. Aber die Funke krieg’ ich nicht rein.“

Erneut überprüfte Ole die Einstellungen, konnte aber keinen Fehler entdecken. Das Mikrofon der Kamera nahm den Ton der Umgebung so auf, wie es sollte. Nur das Funkmikro blieb stumm wie ein Fisch. Obwohl er alle Schalter und Knöpfe so eingestellt hatte, wie sie sollten. Selbst die Batterien hatte Ole frisch aus der Packung genommen, um auf Nummer sicher zu gehen.

„Für’n Arsch“, murmelte Marlon und kratzte sich am Kinn.

Sein Vollbart widersetzte sich der Behandlung und stand in alle Richtungen ab. Marlons Körperbehaarung erinnerte Ole an die eines Dackels: Jedes einzelne Haar drahtig wie das Fell eines kleinen Jagdhundes. Wobei der Rest seines Körpers eher an eine Bulldogge erinnerte. Quadratisch, praktisch, gut.

„Typisch DDP. Hauptsache Kohle sparen, und wir stehen wieder mit technischen Problemen da. Und wer ist am Ende schuld?“ Marlon schnippte noch einmal ohne erkennbares Ergebnis mit den Fingern.

„Lass das bloß nicht Valeska hören.“ Ole schaltete die Kamera wieder ab, um Akku zu sparen. Dann nahm er sie vom Schoß, verstaute sie in der Kameratasche und stand aus der Hocke auf. Seine Knie knackten, und er stemmte die Hände in den Rücken. Dann hauchte er sich in die gewölbten Handflächen, nahm ein paar dicke Handschuhe aus der hinteren Tasche seiner Jeans und streifte sie über. Besser.

Marlon fummelte ein zerdrücktes Zigarettenpäckchen aus den Tiefen seines dicken Militärmantels. Der Dreh hatte noch nicht mal begonnen, aber Marlon rauchte jetzt schon Kette. Normalerweise sparte er sich das für die Drehpausen auf. Allerdings standen die beiden mehr oder weniger unbeschäftigt auch schon seit einer Stunde in der klirrenden Kälte und warteten. Dass Marlon die Funkstrecken gecheckt hatte, war eher der Langeweile als der Notwendigkeit geschuldet gewesen. Aber gut, dass er es getan hatte. Hätten sie den Tonausfall erst kurz vor dem ersten Bild gemerkt, hätten sie noch längere Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Denn eins war klar: Eine neue Funkstrecke musste her.

Hinzu kam, dass Ole als fester Kameramann bei DDP arbeitete. Deshalb bekam er auch keine Überstunden bezahlt. Im Gegensatz zu Marlon, der nur dazu gebucht wurde. Der freie Kamerassi rauchte also gerade auf Firmenkosten seine dritte Kippe und nahm dafür vermutlich auch gerne die Kälte in Kauf. Und in den letzten drei Wochen vor Weihnachten war heute natürlich genau der Tag, an dem der Boden zum ersten Mal gefror. War ja klar. Eisig kalt und das Equipment kaputt. Großartig.

Marlon hatte nicht ganz unrecht. Dass die Firma Geld sparen musste, so wie jede andere Produktionsfirma heutzutage auch, konnte Ole verstehen. Aber nicht, dass darunter die Arbeit litt. Mal war es das Mikro, das einen Wackelkontakt hatte. Mal war die Schraube kaputt, die Kamera und Stativplatte verband. Aber richtig repariert wurde nie etwas, denn das kostete ja Geld. Dass der Schaden im Endeffekt irgendwann größer sein würde als die paar hundert Euro Reparaturkosten, sahen Valeska und Christian nicht. Die feste Redakteurin und der Chef würden es erst dann merken, wenn ein Film nicht beim Sender abgegeben werden konnte, weil irgendetwas so kaputt war, dass man es eben nicht mal schnell mit ein bisschen Gaffer-Band wieder festkleben konnte. Oder wenn Valeska es einmal nicht hinbekommen würde, in allerletzter Sekunde ein Ersatzteil hervorzuzaubern. Oder kein Nach-Dreh stattfinden konnte, weil die Kamera nun endgültig den Geist aufgegeben hatte. Ole sah diesen Tag schon seit Langem kommen. Aber bisher hatte es doch immer noch irgendwie geklappt. Und dachte Christian deswegen nicht im Traum daran, ins Equipment zu investieren.

Einerseits gut, dass es bisher noch nicht zu größeren Katastrophen gekommen war. Denn irgendwoher floss dann doch immer das Monatsgehalt aufs Konto. Aber andererseits wünschte Ole seinem alten Schulfreund, dass der irgendwann mal so richtig auf die Schnauze fliegen würden. Laut sagte er das allerdings nicht. Das regelmäßige Einkommen überwog immer noch seine an Tagen wie diese konstant vor sich hin köchelnde Wut.

Fragt sich, wie lang noch, dachte er und sah sich nach Valeska um.

Er blinzelte gegen die Sonne und entdeckte die Redakteurin hundert Meter weit draußen auf dem Feld, neben dem ausgeschlachteten Fiat Punto, der eigentlich schon vor einer halben Stunde hatte in die Luft fliegen sollen. Das Endprodukt sollte ein circa acht Minuten langer Wissensbeitrag werden: Welche Tricks werden in Actionfilmen benutzt, um einen Wagen in Flammen aufgehen zu lassen? Ausnahmsweise mal ein Dreh, auf den sich Ole schon seit längerem gefreut hatte. Alltag waren Hartz IV-Familien, Schminktipps oder Interviews mit dem TÜV.

Aber jetzt stand der Wagen noch immer friedlich vor sich hin rostend auf der abgegrasten Wiese zwanzig Kilometer vor Köln. Neben ihm Valeska, die sich die hellblonden Haare raufte und sich ihr Handy ans Ohr presste, so dass ihre Fingerknöchel weiß hervorstachen.

Denn ohne Brandschutzbeauftragten kein Dreh, und der gute Mann glänzte jetzt schon seit Arbeitsbeginn um acht Uhr morgens durch Abwesenheit. Seitdem hing Valeska auch am Telefon und schrie sich immer mal wieder durch alle Frequenzen des vom Menschen hörbaren Bereichs.

Ole seufzte und stapfte über die gefrorene Wiese, wobei er alten Kuhfladen ausweichen musste. Plötzlich vibrierte sein Handy in der Jackentasche. Er blieb stehen, zog es hervor und versuchte, das zehn Jahre alte Modell zu entsperren. Wegen seiner dicken Handschuhe bereitete es ihm einige Mühe, doch als es ihm endlich geglückt war, lächelte er. Jana.

 

Honeybunny, brennt schon alles? Glück im Unglück: Im Winter draußen drehen, dafür schönes Lagerfeuer.

 

Oles Blick wanderte vom Display seines abgehalfterten Handys zum Autowrack. Genau im richtigen Moment, um zu sehen, wie Valeska mit voller Wucht gegen den Rahmen des unschuldigen Puntos trat. Dann hüpfte sie mit hochrotem Kopf und Zornesfalte zwischen den Augen auf einem Bein auf und ab und schrie: „Sie denken, ich wäre nicht ruhig? Ich?! Ich zeig Ihnen mal, wie es klingt, WENN ich mich aufrege! Wir müssen den Film heute noch schneiden, und wenn nicht gleich … Was?! Wenn Sie mich jetzt schon wieder in die Warteschleife … Fuck!“

Sie warf ihr Smartphone in Oles Richtung. Es prallte einen halben Meter vor ihm auf dem Boden auf. Das Display hielt der Naturgewalt, die die Redakteurin verkörperte, nicht stand.

„Das wäre dann Nummer zwei dieses Jahr“, sagte er und hob das Gerät auf, während er auf Valeska zuging.

Wie immer tat sie ihren Ausbruch mit einem Augenrollen ab und steckte das unbrauchbare Gerät unbesehen in ihre Umhängetasche.

„Versichert“, sagte sie und versuchte, mit beiden Händen ihr durcheinander gebrachtes Haar glattzustreichen.

Der Kurzhaarschnitt wiedersetzte sich erfolgreich ihren Mühen, und Valeska gab auf.

„Kommt Herr Mertens noch?“, fragte Ole.

Er lehnte sich gegen das Wrack und hielt sein Gesicht der Sonne entgegen. Irgendwann auf den letzten Metern war auch seine Wut verraucht. Er war sich ziemlich sicher, den Grund zu kennen. In seiner linken Hand hielt er immer noch seinen Handysaurus.

Valeska schwang sich hörbar neben ihm auf die Motorhaube, die ein Geräusch von sich gab, das ausschließlich entsteht, wenn sich ein Mensch auf dünnes Blech setzt.

„Natürlich kommt der noch“, sagte sie.

Ole hörte das Klicken eines Feuerzeugs. Tabakgeruch stieg ihm in die Nase. Die morgendlichen Wintersonnenstrahlen schienen rot durch seine geschlossenen Lider. Im Dezember wird die Sonne, die während der übrigen elf Monate scheint, gegen eine andere, schärfere Version ausgetauscht, dachte er.

„Ich rufe gleich in der Firma an“, meinte Valeska. „Christian soll die Praktikantin bei Herrn Mertens zu Hause vorbeischicken. Auf dem Prota-Vertrag steht seine Adresse. Wahrscheinlich ist der noch im Bett, weil er letzte Nacht eine gehoben hat oder so. Jedenfalls kann ihn angeblich keiner erreichen. Und wenn ich anrufe, geht auch keiner ans Telefon.“

„Wenn sie den Mann gefunden hat, sollen die beiden gleich einen Umweg über den Verleih machen. Die Funke ist kaputt“, sagte Ole.

„Klar. Murphy’s Law. Hast du das Firmenhandy?“

Ole öffnete die Augen und nickte in Richtung Marlon, der inzwischen auf einer kleinen Anhöhe stand und eine Kuh über einen elektrischen Zaun hinweg streichelte.

„In der Kameratasche.“

Valeska kletterte vom Wagen und stolperte über die Wiese Richtung Marlon. Warum sie selbst an Drehtagen hohe Schuhe trug, war Ole unbegreiflich. Aber eins musste man ihr lassen: Sie beschwerte sich nie. Und sie war eine verdammt gute Redakteurin.

Deshalb drückte Christian auch immer ein Auge zu, wenn sie eher unkonventionellere Maßnahmen ergriff, um an das Drehergebnis zu kommen, welches sie benötigte.

Oder weil sie mit ihm ins Bett stieg, wie Marlon vermutete. Was Ole nicht interessierte, solange sie ihre Arbeit machte. Er selbst hatte, so wie jeder andere bei DDP auch, mehr als einmal den Kopf geschüttelt, wenn Valeska auf sehr offensichtliche Weise mit den Protas schäkerte, um ihnen eine Antwort zu entlocken. Aber da sein Herzblut, im Gegensatz zu Valeskas oder Christians, nicht an der Firma hing, betrachtete er seine Arbeit nur als Job und nahm das Verhalten der Redakteurin hin, wenn sie damit Ergebnisse erzielte. Sein richtiges Leben begann für ihn sowieso erst nach Dienstschluss. Dann traf er sich auf ein Kölsch mit Freunden, die alle nichts mit DDP zu tun hatten. Oder ging mit Jana ins Kino. Und natürlich hatte ihn die Hochzeit in den letzten Monaten rund um die Uhr auf Trab gehalten.

Ein wenig erleichtert war er schon, dass seine Probleme sich jetzt nicht mehr um Platzkärtchen und Ansteckblumen drehten, sondern nur noch um Valeskas gelegentliche Ausraster und Flirtereien. Auf eine verdrehte Art und Weise war das beruhigend.

Er rief noch einmal Janas SMS auf und tippte eine schnelle Antwort.

 

Hier brennt nur eins, und das ist V. Handy Nummer 2!!!

 

Fast sofort folgte eine Antwort. Sie bestand nur aus einem Daumen-hoch-Emoticon. Trotzdem fühlte sich Ole besser.

Ihm fehlte Jana an seiner Seite, mit der er ein eingespieltes Kamerateam bildete. Da die ganze Firma aber am Abend auf die Weihnachtsfeier dieses Senders, in den Ole nicht mal für Geld einen Fuß setzen würde, geladen war, hatte sich Jana gegen den Auftrag entschieden.

„Valeska den ganzen Tag und abends mit Beleuchtung zu ertragen, das halte ich nicht aus“, hatte sie Ole anvertraut und sich einen Tag Urlaub genommen.

Als Ole sich zu seinen Kollegen gesellte und Valeska schon wieder mit roten Wangen am Produktionshandy kleben sah, wurde ihm mal wieder bewusst, was für eine hochintelligente Frau er geheiratet hatte.

2. KAPITEL

Als Charlie die Tür aufschloss, stolperte sie fast sofort über Katharinas Sneaker. Sie seufzte, bückte sich und stellte die Schuhe ihrer Mitbewohnerin in das Regal unter dem Garderobenspiegel. So wie jeden Abend. Und wie jeden Abend seit drei Monaten fragte sie sich, welcher Teufel sie geritten hatte, mit fast dreißig Jahren noch mal in eine WG zu ziehen.

Weil du seit Monaten einem beschissenen Job nach dem anderen hinterher krebst, gab sie sich selbst die Antwort.

Wenigstens bist du nicht allein, wenn du nach Hause kommst.

Aus Katharinas Zimmer drang laute Musik. Cro. Easy. Charlie schnaubte, hängte ihre Handtasche an die Garderobe und ging in ihr eigenes Zimmer. Den Blick in die Küche vermied sie lieber. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich an dem Geschirrberg im Waschbecken seit gestern etwas geändert hatte.

Schön wär’s, wenn mal was easy wäre, dachte sie und kroch unter ihre Bettdecke.

Katharina und sie waren übereingekommen, nicht zu heizen, um Geld zu sparen. Drei Decken taten es schließlich auch. Und da Katharina als Studentin genau wie Charlie ständig knapp bei Kasse war, gab es zumindest in der Hinsicht keinen Zoff.

Charlie streifte ihre Stiefel ab und schaute auf ihren Wecker. In spätestens einer halben Stunde musste sie sich unter die Dusche stellen, wenn sie rechtzeitig zur Party erscheinen wollte. Lieber früher da sein und dafür auch früher gehen, bevor alle so betrunken waren, dass sie sich einen Tag später nicht mehr an sie erinnern würden. Und es war verdammt wichtig, dass zumindest ein paar von den Firmenchefs und Produzenten am nächsten Tag ihre Karte in der Hand halten würden und wussten, wer sie ihnen zugesteckt hatte. Denn Charlie brauchte dringend einen neuen Job. Einen gut bezahlten Job.

Nicht, dass sie nicht jeden Tag gut beschäftigt gewesen wäre. Meistens sogar bis spät in die Nacht. Und oft auch am Wochenende. Aber die Jobs bei den lokalen Nachrichtensendern oder dem einen oder anderen Spartenprogramm brachten nicht wirklich viel ein. Jedenfalls, wenn man den Aufwand gegen die Bezahlung aufrechnete.

Das Problem waren die Beziehungen. Ohne Beziehungen hatte man in diesem Job kaum Chancen. Und Charlie hatte keine. Keine nennenswerten. Sie war gut in dem, was sie tat. Hatte ein Auge für Bilder. Konnte mit Menschen. Aber da sie bisher noch nicht die Chance gehabt hatte, einen Beitrag zu realisieren, der länger als fünfzehn Minuten gedauert hatte, kam sie auch so einfach nicht an größere Jobs. Ein Teufelskreis.

Deshalb hatte sie sich für den heutigen Abend vorgenommen, in alle Hintern zu kriechen, die sie finden konnte.

Plötzlich wurde ihre Tür aufgerissen und schlug gegen die Wand.

„Hey, Mausebär“, quietschte Katharina und kroch zu Charlie unter die Bettdecke.

Die rutschte zur Seite, damit Katharinas massiger Körper Platz fand. Die Natur hatte es nicht gut mit ihrer Mitbewohnerin gemeint. Zu ihrem Gewicht kam ein Gesicht hinzu, das immer missgelaunt wirkte. Was ein doppelter Witz war, denn positiver als Katharina konnte kaum jemand sein. Jedenfalls war Charlie noch nie einer Person begegnet, die es in Punkto Lebensfreude mit ihrer Mitbewohnerin hätte aufnehmen können.

Buch der Woche

Wintersonnenherz - Anna & Mark

Es ist ein regnerischer Dezemberabend, und Anna möchte nichts weiter, als es sich auf ihrem ...
Wintersonnenherz - Anna & Mark
4,99 €

Autorin des Monats

Hilga Höfkens

Hilga Höfkens wurde 1964 in Xanten geboren. Jetzt lebt und schreibt sie im Bergischen Land. Schon ...