Bettina Pecha

Die Liebesbotin der Königin

Die Liebesbotin der Königin

von Bettina Pecha
Norfolk, 1533. Die junge Elizabeth soll auf dem Landsitz der reichen Lady Agnes alles lernen, was für eine gute Partie nötig ist und wird einige Jahre später gegen ihren Willen mit dem verschlossenen Lord Philip Hamilton verheiratet. Allmählich spürt sie jedoch, dass sich hinter seinem kalten Wesen eine leidenschaftliche Persönlichkeit verbirgt, die sie ihm ganz nahe bringt. Da beruft Königin Catherine sie höchstpersönlich an den Hof. Als Hofdame soll Elizabeth deren geheime Liebschaften hinter dem Rücken Heinrichs VIII. arrangieren. Eine skandalöse Position, die Elizabeth in höchste Gefahr bringt!
Hier erfahren Sie mehr über die Autorin: Bettina Pecha
Erscheinungsdatum:
15.10.2014
Format:
ePub oder .mobi
Preis:
4,99 €
Bettina Pecha

Bettina Pecha

Bettina Pecha, geboren in Bremen, verbrachte vier Jahre in England. Sie studierte Sprachen an der Oxford Brookes University und widmete sich in ihrer Freizeit intensiv der englischen Geschichte. Sie arbeitete für verschiedene Verlage, bevor sie ihren ersten historischen Roman schrieb. Bettina Pecha lebt mit ihrer Familie im südlichen Schwarzwald.

Widmung

Für meinen Vater

1. KAPITEL

Elizabeth ließ den Blick über den hellen Strand schweifen, der sich scheinbar endlos vor ihr erstreckte. Sie lächelte zufrieden, während sie den braunen Beutel aus grobem Sackleinen fester hielt, in dem sich schon einige Muscheln befanden. Es herrschte Ebbe, und das Meer hatte eine reiche Beute am Strand zurückgelassen. Sie würde nur die schönsten Exemplare für ihre Sammlung mitnehmen, die sie in einer Truhe in ihrem Zimmer aufbewahrte.

Die leeren schwarzen Miesmuscheln, mit denen der feine Sand förmlich übersät war, ließ sie achtlos liegen. Dagegen lockten sie die regelmäßig gezackten elfenbeinfarbenen Gebilde mit den filigranen Linien und den ockergelben oder rötlichen Mustern, jedes von ihnen fast ein Schmuckstück. Eines nach dem anderen wanderte in den Beutel, der sich rasch füllte.

Sie war so vertieft in ihre Suche, dass sie nicht bemerkte, wie die Zeit verging. Erst als ein kühler Wind über die Dünen strich und das Wasser in kleinen, unruhigen Wellen aufschäumen ließ, zog sie fröstelnd die Schultern zusammen und richtete sich auf. An diesem Apriltag des Jahres 1533 erstreckte sich das Meer wie ein riesiges silbergraues Tuch vor ihr. Es schien den Horizont zu berühren. Die tief hängenden Wolken kündigten baldigen Regen an.

Elizabeth liebte das Meer zu jeder Jahreszeit, ob es sich nun bleifarben und öde vor ihr dehnte oder in einem satten, tiefen Blau unter einem wolkenlosen Sommerhimmel. Ein Anblick, der selten und kostbar war. Hier, an der Ostküste Anglias, das zur Grafschaft Norfolk gehörte, war sie aufgewachsen. Sie konnte sich nicht vorstellen, an einem Ort zu leben, an dem sie abends vor dem Einschlafen nicht das Rauschen der Wellen oder das Brausen der Herbststürme hören konnte.

Sie kehrte um und machte sich auf den Heimweg. Als sie die Dünen erreicht hatte, bemerkte sie, fast verborgen in den Sträuchern, etwas Dunkles. Auf den ersten Blick wirkte es wie ein Stein, und sie wollte achtlos daran vorbeigehen. Dann erkannte sie, dass es sich um eine große Muschel handelte, die die Flut weit ans Ufer gespült hatte.

Neugierig hob sie ihren Fund hoch und betrachtete ihn. Es war kein besonders schönes Exemplar, unregelmäßig und ein wenig plump in der Form, und die Farbe der Schale erinnerte an feuchte Erde. Auffallend waren nur die Größe und das Innere der Muschel, in deren Gehäuse sich ein Hohlraum befand.

Sie legte die Muschel an ihr Ohr. Ein leichtes, beständiges Rauschen erklang. Beglückt schloss sie die Augen und lauschte dem sanften Geräusch. Ihr Bruder Ned hatte ihr erklärt, dass das Rauschen im Inneren einer Muschel nichts mit Wasser zu tun hatte, sondern durch Luftschwingungen entstand, die in dem Schneckengehäuse verstärkt wurden.

„Mistress Lizzy – Mistress Lizzy“, hörte sie plötzlich eine Stimme aus der Nähe.

„Hier bin ich, Megan.“ Sie reckte sich auf die Zehenspitzen und winkte lebhaft. Wenig später tauchte eine Leinenhaube hinter einer Düne auf, dann eine Frau im mittleren Alter. Sie hatte ihre Röcke gerafft und lief so schnell, wie es der Strandhafer erlaubte. Atemlos hielt sie schließlich inne.

„Dacht ich mir’s doch, dass ich Euch hier finden würde. Wie oft habe ich Euch gesagt, dass Ihr nicht allein weggehen dürft!“, rief sie vorwurfsvoll.

Elizabeth schob schmollend die Unterlippe vor. „Du warst ja nicht da. Ich habe Amos Bescheid gesagt, dass ich zum Strand gehe.“

„Mir sollt Ihr es sagen, nicht irgendjemandem vom Gesinde! Abgesehen davon ist Amos in der Zwischenzeit ins Dorf gefahren, um ein paar Fässer Bier vom Schankwirt zu holen.“

„Es tut mir leid“, antwortete Elizabeth reumütig. „Es soll nicht wieder vorkommen. Schau mal, was ich gefunden habe. Sie ist nicht besonders hübsch, aber sie rauscht wie das Meer.“ Stolz hielt sie Megan die große Muschel hin.

Doch die Dienerin hatte keinen Blick für den kostbaren Fund. „Wir müssen heim“, drängte sie, immer noch ein wenig atemlos. „Euer Vater will Euch sprechen.“

„Oh!“ Hastig schob Elizabeth die Muschel zu den anderen in den Beutel, raffte ihre Röcke und ging mit schnellen Schritten in Richtung von Ruscot Hall. „Meinst du, dass Vater böse ist, weil ich allein zum Strand gegangen bin?“

„Nein, das glaube ich nicht“, beruhigte Megan sie. „Heute Nachmittag hat ein Bote einen Brief gebracht, vielleicht will der Herr deshalb mit Euch sprechen. Er ist jedenfalls sehr guter Laune.“

Sie erreichten die Straße, die noch vom Regen der vergangenen Tage aufgeweicht war. Es war nicht einfach, im Schlamm voranzukommen.

Ruscot Hall kam in Sicht, ein breiter, langgezogener Bau aus hellbraunem Sandstein und mit einem roten Ziegeldach. Elizabeths Urgroßvater hatte das Gutshaus 1453 erbauen lassen, und seitdem war nur wenig verändert worden.

Sie gingen durch das breite hölzerne Eingangstor und betraten den gepflasterten Innenhof, in dessen Mitte ein Ziehbrunnen stand. Ein paar Hühner flatterten gackernd davon, als sie sich dem Brunnen näherten.

Megan betätigte die Winde und zog den Eimer nach oben. Elizabeth wusch sich die sandigen Hände mit dem eiskalten, klaren Wasser und benetzte ihr Gesicht.

Kritisch musterte die ehemalige Kinderfrau die zierliche Gestalt ihres Schützlings von Kopf bis Fuß.

„Ganz gut, dass Ihr aus dem Rock herausgewachsen seid“, murmelte sie. „Da ist der Saum wenigstens nicht so schmutzig geworden.“ Sie schob Elizabeth eine Haarsträhne zurück, die sich aus dem dicken rotblonden Zopf gelöst hatte, und rückte die nicht mehr ganz weiße Leinenhaube zurecht. „So muss es gehen – wir dürfen Euren Vater nicht länger warten lassen.“

Elizabeth nickte und eilte zu der breiten dunklen Eichentür, die ins Innere des Hauses führte. Sie betrat die dämmerige Halle und rannte die gewundene Treppe hinauf, die in den ersten Stock führte. Vor einer Tür blieb sie stehen, holte tief Luft und klopfte an, bevor sie eintrat.

Das Arbeitszimmer ihres Vaters war klein und die Einrichtung bescheiden. Durch die rautenförmigen bleigefassten Fensterscheiben fiel das fahle Abendlicht. An der Längswand stand ein großer geschnitzter Schrank aus Mahagoni; in einem Regal befanden sich einige Bücher, Papierbögen und Siegel. Im Schein eines brennenden Kienspans saß Sir William an seinem Pult und schrieb einen Brief. Bei ihrem Eintritt legte er seinen Federkiel beiseite, bestreute das Geschriebene mit Sand und stand auf. Elizabeth knickste.

„Ihr wolltet mich sprechen, Vater.“

„Ja, Lizzy, ich habe eine gute Nachricht für dich. Die Herzoginwitwe hat mir geschrieben, dass sie dich aufnimmt. In spätestens zwei Wochen wirst du abreisen.“

Sie sah ihn aus schreckgeweiteten Augen an. „Oh, Vater, so bald schon!“

Er hatte ihr schon vor längerer Zeit mitgeteilt, dass sie Ruscot Hall verlassen würde, sobald er genug Geld für ihren Aufenthalt bei der Herzoginwitwe gespart hatte. Agnes Howard, die Stiefmutter des jetzigen Herzogs von Norfolk, war eine entfernte Verwandte seiner verstorbenen Frau. Sie nahm, wie viele adlige Witwen, auf ihrem Landsitz in Sussex junge Mädchen aus vornehmen Familien auf. Dort erhielten die Schülerinnen die Ausbildung, die ihrem Stand entsprach, knüpften Kontakte und wurden auf ihre spätere Bestimmung, Gattin eines Edelmannes oder gar Hofdame der Königin zu werden, vorbereitet.

Die Eröffnung des Vaters bedeutete daher keine Überraschung. Doch Elizabeth hatte heimlich gehofft, dass dieser Plan an seinem chronischen Geldmangel scheitern würde. Denn sie konnte sich nicht vorstellen, ihr vertrautes Zuhause zu verlassen. Sie liebte Megan, die einst ihre Kinderfrau gewesen war, mehr als ihre verstorbene Mutter, an die sie sich nur noch undeutlich erinnerte. Sie wusste gar nicht, wie viele Tagesreisen die Grafschaft Sussex von Anglia entfernt lag – aber wahrscheinlich zu viele, um auch nur einmal im Jahr heimkommen zu können.

Sir William hob ihr gesenktes Kinn. „Na, na“, sagte er aufmunternd. „Wer wird denn gleich so ängstliche Augen machen!“ Er legte den Arm um ihre Schultern. „Ich weiß schon, das ist ein großer Schritt für dich. Aber ich bin davon überzeugt, dass es dir bei Lady Agnes gefallen wird. Sie besitzt ein großes Anwesen in der Nähe von Horsham, das liegt nur dreißig Meilen von London entfernt. Du wirst andere junge Mädchen aus adligen Familien kennenlernen. Und du erhältst eine gute Ausbildung – nicht nur im Lesen und Schreiben, sondern auch in Latein und Französisch. Wenn ich es mir leisten kann, darfst du ein Musikinstrument lernen. Lady Agnes schreibt, dass es in ihrem Haus einen Musiklehrer gibt, der die Mädchen auch höfische Tänze lehrt. Freust du dich denn gar nicht?“

„Doch“, antwortete Elizabeth, und ein schwacher Glanz trat in ihre Augen. Der Geistliche von Sea Palling – das Dorf gehörte zum Besitz ihres Vaters –, hatte sie einige Jahre lang im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet. Doch der ältere Herr litt seit einiger Zeit unter einer fortschreitenden Sehschwäche und konnte die Stunden deshalb nicht mehr abhalten. Der Unterricht fehlte ihr, denn ihr Wissensdurst war unersättlich.

„Na, siehst du. Und wenn du wiederkommst, werde ich einen guten Ehemann für dich finden.“

Sie nickte gleichgültig. Alle Väter vermählten ihre Töchter so vorteilhaft wie möglich, sobald sie das heiratsfähige Alter erreicht hatten. Sie hoffte, dass ihr Ehemann so fürsorglich und fröhlich wie ihr älterer Bruder Ned sein würde. Er diente in einem Regiment des Königs in Lancaster, und sie vermisste ihn.

Sir William betrachtete seine Tochter aufmerksam im Licht des Kienspans. Vor einem Monat war sie dreizehn Jahre alt geworden. Die Flamme zauberte goldene Reflexe auf den rotblonden Zopf, der ihr glänzend über eine Schulter fiel. Unter den langen goldfarbenen Wimpern sahen ihn große graue Augen an. Ihre Nase war klein und mit Sommersprossen gesprenkelt, der Mund voll und rot. Kleine Unreinheiten auf ihrer hellen Haut deuteten die Veränderung ihres Körpers an, die kurz bevorstehen musste. Ihre Taille war kindlich schmal, doch unter dem verwaschenen Mieder zeichneten sich kleine wohlgeformte Brüste ab. Elizabeth würde bald kein Kind mehr sein.

Seine gute Laune verschwand plötzlich und machte einem ernsten Gedanken Platz. Jetzt, wo seine Tochter den väterlichen Schutz am meisten brauchte, würde sie sein Haus verlassen. Eine ungewisse Zukunft, fernab von ihrem Zuhause lag vor ihr. Sir William kannte die Herzoginwitwe nicht einmal persönlich, aber er hatte gehört, dass sich die Mädchen in ihrem Haus wohl fühlten. Er blickte in die großen, unschuldigen Augen seines Kindes und spürte, wie die Sorge in ihm aufstieg. Er dachte an die vielen Geschichten, die er gehört, die er in seiner Jugend teilweise selbst miterlebt hatte. Es gab genügend Männer, die die Unwissenheit eines jungen Mädchens gewissenlos ausnutzten. Manch einer lockte die Ahnungslose in einen abgelegenen Winkel, wo er vor Zeugen sicher war, und „verführte“ sie. Ein beschönigender Ausdruck für die Gewalt, die er seinem hilflosen Opfer oft antat. Und das Schlimmste war, dass die Schuld nie dem Täter, sondern dem entehrten Mädchen gegeben wurde. Folgte der Vergewaltigung eine Schwangerschaft, hatte sie sich und ihre Familie endgültig in Schande gebracht. Dann wurde es fast unmöglich, einen Edelmann zu finden, der bereit war, sie zu heiraten und den „Bankert“ in seinem Haus zu dulden.

Sir William seufzte unhörbar. Er wollte seiner Tochter die gute Erziehung ermöglichen, die ihrem Rang zustand. Bei der mageren Mitgift, die er Elizabeth mitgeben konnte, würde es ohnehin schwer werden, einen begüterten Gemahl für sie zu finden. Doch eine standesgemäße Partie war er ihr schuldig, ihr und seinem eigenen guten Namen.

„Wir sehen uns später beim Nachtmahl“, sagte er abschließend. „Und richte Megan aus, dass ich sie sprechen möchte.“

Elizabeth nickte und verließ das Zimmer. Kurz darauf schob sich die mollige Gestalt der Dienerin durch die dunkle Eichentür.

Sir William teilte ihr in kurzen Worten die neue Lage mit. Keine Bewegung in Megans Gesicht verriet ihm, wie hart sie diese Nachricht traf. Es war keine Überraschung, das gewiss nicht. Aber er wusste, dass Megan seine Tochter liebte wie ein eigenes Kind.

„Sorge dafür, dass alles bis zum Tag der Abreise bereit ist“, betonte er. Nach kurzem Zögern fuhr er fort: „Und noch etwas: Ich möchte, dass du Lizzy alles sagst, was eine Braut vor der Hochzeitsnacht wissen muss.“

Megan sah ihren Herrn erschrocken an. Hatte er womöglich schon einen wohlhabenden Schwiegersohn im Auge? Manche Väter verheirateten ihre Töchter, noch bevor sie vom Mädchen zur Frau wurden. Denn die Gefahr, dass Krankheit oder Tod eine vorteilhafte Verbindung zum Scheitern brachten, war groß.

„Aber, Sir“, stammelte sie, „eben sagtet Ihr noch, dass Eure Tochter zu Lady Agnes kommt. Und jetzt …“

„Natürlich will ich sie nicht verheiraten, sie ist ja noch ein halbes Kind“, unterbrach er sie ungeduldig. „Aber einmal muss sie doch erfahren, was es mit der Ehe auf sich hat, und ich will sie nicht unwissend in die Fremde schicken.“

Die Dienerin atmete erleichtert auf, knickste und verschwand.

Der Abend war inzwischen vollständig hereingebrochen, und der Kienspan erhellte den dunklen Raum nur spärlich. Sir William setzte sich wieder an sein Pult. Einige Augenblicke sah er nachdenklich vor sich hin, dann griff er erneut zu seinem Federkiel, um den Brief an Agnes Howard zu beenden.

*

Die nächsten beiden Wochen vergingen wie im Flug. Elizabeth hätte am liebsten jeden Tag, jede Stunde mit beiden Händen festgehalten. Ihr graute vor der ungewissen Zukunft, der sie entgegensah.

Zum Glück blieb ihr nicht viel Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen. Sir William bestand darauf, dass alle Vorbereitungen bis zum festgelegten Reisetag erledigt waren. Ihn trieb die Sorge, dass seine vornehme Verwandte – eigentlich war die Herzoginwitwe nur eine entfernte Kusine seiner verstorbenen Frau, aber ihm schmeichelte der Gedanke, mit den mächtigen Howards versippt zu sein –, es sich noch anders überlegen und statt seiner Tochter ein Mädchen aus einer reicheren Familie in ihr Haus nehmen würde.

So kam schon am nächsten Tag der Schumacher aus Sea Palling nach Ruscot Hall. Er hatte verschiedene Holzschuhe in seinem Lederbeutel, mit denen er an Elizabeths Füßen Maß nahm. Am Nachmittag traf der Schneider ein und nahm beglückt seinen großen Auftrag entgegen. Auf Anweisung ihres Herrn bestellte Megan sechs Kleider, ebenso viele Hauben, dazu Unterröcke, Mieder, Leibchen und – Elizabeths Augen strahlten auf – einen dunkelgrünen Umhang mit Pelzbesatz. Sir William hatte lange gespart, um diese Ausstattung ermöglichen zu können. Dennoch riss das ganze Unternehmen ein beträchtliches Loch in seine Kasse, und er hoffte auf eine gute Ernte im kommenden Sommer, um keine Schulden machen zu müssen.

 

Da der Schneider die viele Arbeit unmöglich in so kurzer Zeit bewältigen konnte, stellte Megan ihr Spinnrad in die Kammer, wo die Wollballen von der letzten Schafschur lagerten und nahm stattdessen Nadel und Faden zur Hand. Sie und Elizabeth verbrachten die Nachmittage nun in dem kleinen Zimmer, das Lady Ruscot bis zu ihrem Tode bewohnt hatte. In die Fensternischen waren Bänke eingelassen, auf denen weiche Kissen lagen. Grobe Wolldecken auf den Simsen hielten die kalte Zugluft ein wenig ab, und in dem steinernen Kamin prasselte an diesem Nachmittag ein helles Feuer, das eine angenehme Wärme verbreitete.

Elizabeth konnte sich an ihren neuen Schätzen nicht sattsehen. Bisher hatten alle ihre Kleider aus Wolle bestanden, die die heimischen Schafe lieferten. Doch für die neuen Gewänder hatte ihr Vater schon im vergangenen Herbst einen größeren Posten levantinischer Baumwolle aus London bestellt, wo sie von venezianischen Händlern angeboten wurde. Die Hauben und Leibwäsche bestanden aus feinem schneeweißen Leinen. Das Herrlichste war das Festgewand, ein Kleid aus weichem, schimmerndem Samt in dem warmen goldbraunen Ton einer Haselnuss. Es bestand aus einem gefältelten, weit schwingenden Rock, einem eng anliegenden Oberteil, und die gebauschten Ärmel waren mit Perlen verziert.

„Die hat der Schneider heute Morgen geschickt.“ Megan reichte ihr eine runde, goldbraune Samtkappe mit Seidenbändern. „Sie gehört zu Eurem Festkleid – die Farbe passt gut zu Eurem rotblonden Haar. Wenn Ihr mögt, könnt Ihr sie mit Perlen besticken.“

„Oh, nichts lieber als das.“ Begeistert griff Elizabeth zum Nähzeug und holte sich den Becher mit Perlen, der neben der Dienerin auf der Bank gestanden hatte. Eine Weile lang wurde nichts gesprochen, nur gelegentlich unterbrach das Knacken eines Holzscheites die Stille.

„Mit den prächtigen Kleidern im Gepäck freut Ihr Euch doch sicher auf die Reise?“, fühlte Megan vor.

Ihr Schützling schüttelte den Kopf. „Die Kleider sind herrlich, aber sie trösten mich nicht über mein Heimweh hinweg. Ich würde gerne darauf verzichten, wenn ich nur hierbleiben dürfte. Und ich werde dich schrecklich vermissen.“ In ihren großen grauen Augen schimmerten Tränen.

„Ja“, seufzte die Dienerin, „der Herr hat gesagt, dass Ihr mindestens vier Jahre in Horsham bleiben werdet. Das ist eine lange Zeit – da kann viel passieren. Aber ich bin mir sicher, dass Ihr Euch dort wohl fühlen werdet. Ich habe gehört, dass Lady Agnes außer ihrem Landsitz noch ein großes Stadthaus in Lambeth besitzt. Es liegt an der Themse, und von dort sieht man Westminster am anderen Ufer. Vielleicht werdet Ihr sogar einmal den König und die Königin sehen.“

Elizabeth lächelte, und ihre Augen leuchteten auf. Sie hatte wunderbare Dinge von London gehört. Über hunderttausend Menschen sollten in dieser riesigen Stadt leben. Das konnte sie sich gar nicht vorstellen, denn sie war noch nie weiter als bis nach Sea Palling gekommen.

„Ich werde dir schreiben“, versprach sie. „Vater wird dir meine Briefe vorlesen. Und wenn ich einmal heirate, nehme ich dich als meine Kammerfrau mit. Das erlaubt mein Gemahl bestimmt.“

„Heiraten“ war das Stichwort. Megan hatte den Auftrag nicht vergessen, den Sir William ihr vor einigen Tagen gegeben hatte. Sie fuhr sich ein paar Mal mit der Zunge über die Lippen, bevor sie weitersprach.

„Da ist noch etwas, worüber ich mit Euch sprechen will, Mistress Lizzy. Also – wenn ein Mann und eine Frau den Bund der Ehe schließen …“

 

Nachdem sie geendet hatte, sah Elizabeth sie ungläubig an. „Aber das ist ja nicht viel anders, als wenn ein Kater zu unserer Katze kommt.“

Sie hatte den Paarungsakt bei den Haustieren schon oft beobachtet, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen.

„Ja“, stimmte Megan nach kurzem Nachdenken zu, „bei den Tieren ist es so ähnlich wie bei den Menschen.“

„Wird es mir dann auch so wie der Katze ergehen, wenn ich verheiratet bin?“ Dieser Gedanke erschien Elizabeth unvorstellbar.

Megan strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich unter der Haube gelöst hatte. „Macht Euch keine Sorgen“, sagte sie liebevoll. „Eines kommt nach dem anderen. Die nächsten Jahre werdet Ihr in Horsham verbringen. Bis zu Eurer Heirat vergeht noch viel Zeit, und bis dahin wird es Euch ganz natürlich erscheinen, mit einem Mann das Bett zu teilen.“

2. KAPITEL

Im Morgengrauen spannte Amos, der Kutscher, zwei Pferde vor die alte Reisekutsche und fuhr sie aus der Remise. Der Jungknecht lud eine hölzerne, mit Eisen beschlagene Reisetruhe auf das Dach. Megan ließ die kleine Treppe herunter und öffnete die Tür des Wagens. Sie legte Kissen und warme Wolldecken auf die Holzbänke. Elizabeth stand dabei und schaute ihr stumm zu.

„Wir sind soweit, Sir“, meldete Amos.

Sir William zog seine Tochter zu sich heran. „Gott segne dich, mein Kind“, sagte er halblaut, während er das Kreuzzeichen auf ihre Stirn machte. „Möge Er dich auf allen Wegen beschützen. Sei auf der Hut, Lizzy, und weiche nie vom rechten Wege ab. Wenn du einen Kummer hast, dann schreibe mir. Ich bin in Gedanken bei dir, auch wenn ein langer Weg uns trennt.“

Sie sah ihn überrascht an. Ihr Vater, obwohl er meistens freundlich zu ihr war, machte für gewöhnlich nicht viele Worte. Die Erziehung seiner Tochter hatte er bisher zum größten Teil Megan überlassen. Spontan legte sie ihm die Arme um den Nacken und küsste seine bärtige Wange. Er drückte sie fest an sich, und sie spürte seine warme, kräftige Hand auf ihrem Haar. Dann ließ er sie los.

„Es wird Zeit – ihr habt eine weite Reise vor euch.“

Gefolgt von Megan, stieg Elizabeth ein. Der Knecht, ein kräftiger, muskulöser Bursche, schlug die Tür zu und schwang sich neben Amos auf den Kutschbock. Sekunden später fuhr der Wagen los. Durch einen Tränenschleier sah Elizabeth ihren Vater und die Dienerschaft, die sich zu der frühen Stunde versammelt hatte, um sich von ihrer jungen Herrin zu verabschieden. Sie blickte so lange aus dem Fenster, bis Ruscot Hall ihren Blicken entschwunden war.

 

Doch die trübe Stimmung hielt nicht lange an. Etwa drei Stunden später machten sie Rast. Sie befanden sich in der Nähe eines Wäldchens, an dem ein Bach entlang floss. Der Jungknecht füllte den Ledereimer mit dem klaren Wasser und tränkte die Pferde. Megan holte einen Korb aus Weidengeflecht hervor, der mit Reiseproviant gefüllt war. Die Köchin hatte reichlich Brote gerichtet und außerdem ein Tontöpfchen mit Quittenmarmelade eingepackt. Als Elizabeth die dick mit saftigem Schinken belegten Brotscheiben sah, lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Zu trinken gab es Holunderbeer-Saft, der mit Wasser gemischt war.

„Esst nur tüchtig“, ermunterte Megan sie, nachdem sie sich auf einen umgestürzten Baumstamm gesetzt hatten. „Wir werden so bald nicht wieder rasten, denn wir wollen ein gutes Stück Weg zurücklegen. Wie weit werden wir heute kommen, Amos?“

„Bis Norwich werden wir es nicht schaffen“, antwortete er bedauernd. „Wir müssen zusehen, dass wir bis zum Abend eine Herberge finden. Auf keinen Fall dürfen wir uns im Wald von der Dunkelheit überraschen lassen. Man hört immer wieder von Wegelagerern, die den Kutschen auflauern. Und oft begnügen sich die Spitzbuben nicht damit, die Reisenden auszurauben, sondern knüpfen sie am nächsten …“

„Schon gut, Amos“, winkte Megan ab. „So genau wollte ich es gar nicht wissen.“ Sie stand auf, klopfte sich die Krümel vom Rock und begann, die restlichen Lebensmittel in den Korb zu packen. „Beeilt Euch, Mistress Lizzy. Wir wollen zusehen, dass wir Land gewinnen.“

*

Das Reisen war, wie Megan es treffend formulierte, eine wahre Tortur. Denn die weichen Kissen, die sie vorsorglich auf die alten, abgewetzten Bänke gelegt hatte, hielten die Erschütterungen auf den unebenen Straßen voller Schlaglöcher nur ungenügend ab. Zwar gab es seit einiger Zeit gefederte Kutschen, die ein findiger Wagenbauer in Kocs im fernen Ungarn entwickelt hatte und die nun auch in London hergestellt wurden. Doch diese moderne Technik drang nur langsam in den Rest des Landes vor, und Sir Williams altersschwaches Gefährt konnte einen solchen Komfort nicht aufweisen. Amos hatte Lederriemen zwischen der Kutsche und den Achsen befestigt, die ein wenig Abhilfe schafften. Trotzdem waren die Reisenden kräftig durchgeschüttelt, als sie am Abend eine Herberge erreichten, und Megan klagte, dass sie jeden Knochen im Leib spüre.

Trotz dieser Unannehmlichkeiten genoss Elizabeth die Reise. Die Dörfer, durch die sie kamen, interessierten sie nicht besonders, denn sie unterschieden sich nur wenig von Sea Palling. Aber gegen Mittag des nächsten Tages erreichten sie Norwich, die bedeutendste Stadt in Norfolk und die zweitgrößte Englands nach London.

Zusammen mit anderen Kutschen, Planwagen und Ochsenkarren passierten sie das breite, imposante Stadttor. Die Straßen führten vorbei an schmalen, dicht aneinander gebauten Häusern. Dann kam die Kathedrale in Sicht, ein mächtiger Bau mit filigranen Arkaden aus hellem Sandstein, dessen hoher, spitzer Turm sich gegen den blassblauen Frühlingshimmel abhob. Obwohl alle hungrig waren, bestand Megan darauf, zuerst in die Kirche zu gehen und den heiligen Georg, den Schutzpatron der Reisenden, um seinen Beistand zu bitten.

Nachdem sie diese Pflicht erfüllt hatten, kam das leibliche Wohl zu seinem Recht. Rings um den Marktplatz standen die prächtigen Häuser der wohlhabenden Kaufleute und Handwerker. Norwich war seit dem 14. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Weberei, doch zwei verheerende Brände im Jahr 1507 hatten einen großen Teil der Häuser zerstört. So waren in den letzten Jahren neue Gebäude aus schwarz-weißem Fachwerk errichtet worden, die den Reichtum ihrer Besitzer widerspiegelten. In Glashütten stellte man die bleigefassten rautenförmigen Fensterscheiben her, die sich bei den gut betuchten Bürgern großer Beliebtheit erfreuten. Wer es sich leisten konnte, stellte bei Einbruch der Dunkelheit eine ganze Reihe Wachskerzen in seine Fenster, die nicht nur die Räume angenehm erhellten, sondern die Häuser wie riesige Laternen in der Dunkelheit leuchten ließen.

Staunend betrachtete Elizabeth die vielen Stände, die sich um den großen Brunnen gruppierten, der in der Mitte des Marktplatzes stand. Die Händler priesen mit lauter Stimme ihre Waren an, jeder versuchte, seinen Nachbarn zu übertönen. Sie konnte sich nicht sattsehen an den teilweise ungewohnten Köstlichkeiten. Ein würziger Duft nach frischen Bratwürsten durchzog die Luft. Ein anderer Stand bot geröstete Mandeln an und dazu Obst, wie sie es noch nie gesehen hatte: Es war mit einer weißen Zuckerkruste überzogen. Die Marktfrau hielt ihr eine Apfelscheibe hin.

„Kandierte Früchte“, erklärte sie dabei. “Ich stelle sie selbst her, mit dem feinsten Zucker, den Ihr Euch vorstellen könnt.“

Elizabeth wollte die Leckerei unbedingt probieren, denn sie war sich sicher, zuvor noch nie etwas so Wunderbares gegessen zu haben. In Ruscot Hall backte die Köchin gelegentlich süßes Brot, und an Festtagen gab es große Backbleche mit dunklem Honigkuchen. Aber das war nichts im Vergleich zu diesem köstlich aussehenden Naschwerk.

Die Frau klapperte geräuschvoll mit ihrer Zange und sah die beiden Kundinnen erwartungsvoll an.

„Drei Unzen für nur Sixpence“, bot sie mit schmeichelnder Stimme an. „Eine so gute Ware zum wohlfeilen Preis findet Ihr auf dem ganzen Markt nicht.“

„Bitte, Megan, lass uns von dem Obst kaufen“, bettelte Elizabeth. „Wir brauchen doch noch Reiseproviant.“

Doch die Dienerin schüttelte den Kopf. „Wir müssen mit unserem Geld haushalten, schließlich haben wir noch einen weiten Weg vor uns“, entgegnete sie. „Und Sixpence für drei Unzen finde ich nicht wohlfeil, feiner Zucker hin oder her.“

Enttäuscht folgte Elizabeth ihrer ehemaligen Kinderfrau. Am Ende des Marktes stießen sie auf eine Traube Menschen. Eine Gruppe von Gauklern führte Kunststücke vor und zog die Blicke der Marktbesucher auf sich. Da gab es einen Feuerschlucker, der helle, züngelnde Flammen in die Luft spie. Ein junges Mädchen, nicht viel älter als sie selbst, ließ ein Pferd zu den Schlägen einer Trommel tänzeln, und ein Bursche, dem Aussehen nach ihr Bruder, trat als Jongleur auf. Er warf nacheinander fünf bunte Bälle in die Luft, die er geschickt auffing und aufs Neue hochwarf. Elizabeth beobachtete den Flug der Bälle. Immer schneller und schneller wurde das Spiel, und schließlich wurde ihr schwindlig vom Zuschauen.

Ein älterer Mann ging durch die Reihen, gefolgt von einem mageren, struppigen Hund. Er hielt eine ausgebeulte, zerrissene Kappe in den Händen, die sich rasch mit Kupferstücken füllte. Diesmal zog Megan ihren Beutel heraus und holte großzügig einen Groat hervor.

„Den Gauklern muss man etwas geben, die haben oft wenig zu beißen“, erklärte sie, als sie die silberne Münze in die Kappe warf. „Irgendwie werde ich schon heimkommen, und notfalls reicht mir auch mal ein Kanten trockenes Brot auf der Rückfahrt.“

*

Die Suche nach guten Herbergen gestaltete sich schwierig. Amos achtete darauf, dass sie jeden Abend vor Einbruch der Dunkelheit ein sicheres Dach über dem Kopf hatten. Selbst wenn sie noch bei Tageslicht ein oder zwei Stunden hätten fahren können, verzichtete er auf diesen Zeitgewinn. Zu grauenhaft waren die Geschichten über Wegelagerer, die wehrlose Reisende ausgeraubt und oftmals anschließend ermordet hatten, um keine unliebsamen Zeugen zu haben. Doch wenn sie sich nicht gerade in der Nähe einer größeren Stadt befanden, mussten sie mit der einzigen Herberge vorliebnehmen, die am Wegesrand stand. Wenn sie Glück hatten, stießen sie auf ein gut geführtes Gasthaus, in dem die Wirtin ihnen stolz ihre sauberen Schlafkammern zeigte. Doch die meisten Unterkünfte waren schmuddelige Kaschemmen, die schon von außen wenig einladend wirkten. In der düsteren Gaststube stank es oft nach tranigem Fett, verschüttetem Ale und fauligem Gemüse, und in den Schlafkammern hing eine feuchte, modrige Luft. In den klammen Bettpfühlen tummelte sich das Ungeziefer und lauerte auf seine Opfer. Aber die müden Reisenden mussten sich damit abfinden.

Die praktische Megan wusste Abhilfe. Gleich am ersten Abend rieb sie Elizabeths und ihr eigenes Haar gründlich mit einer Essigtinktur ein, die die Läuse erfolgreich fern hielt. Dann zog sie zwei Decken aus zusammengenähten Fuchsfellen hervor.

„Flöhe lieben warmes Fell“, erklärte sie. „Wickelt die Decke um Euren bloßen Körper. Ein paar Stiche werdet Ihr heute Nacht schon abbekommen, aber danach bleiben sie Euch wenigstens vom Leib.“

Am nächsten Morgen wusch sie die Decken am Brunnen und bereitete den lästigen Tierchen dadurch einen vorzeitigen Tod. Dann legte sie Felle über die Reisetruhe auf das Wagendach, wo sie tagsüber im Fahrtwind trockneten.

„Die Plagegeister sind uns zwar zahlenmäßig überlegen“, sagte sie grimmig. „Aber wir wissen uns ihrer zu erwehren.“

*

Inzwischen hatten die Reisenden Thetford, Newmarket und Saffron Walden hinter sich gelassen. London rückte immer näher. Das Wetter meinte es gut mit ihnen, eine warme Frühlingssonne schien, und die Wege waren trocken und fest. Doch an diesem Morgen musterte Amos skeptisch den weiß-grauen Himmel.

„In meiner großen Zehe pocht es“, bemerkte er düster. „Das bedeutet in der Regel schlechtes Wetter. Und wir haben ja auch schon lange keinen Regen mehr gehabt.“

Das Wetter hielt den ganzen Tag, erst am späten Nachmittag zogen dunkle Wolken auf, und schwere Tropfen fielen auf das Kutschendach. Sie befanden sich mitten in der Einöde, nirgends war eine Behausung zu entdecken.

„Ich wollte ja mittags in Bishop’s Stortford bleiben“, schimpfte der Kutscher, als sie rasteten und die Pferde tränkten. „Dort gab es genügend Herbergen. Aber du weißt ja immer alles besser.“

„Hör auf zu jammern, Amos“, antwortete Megan unfreundlich. Heimlich bereute sie allerdings, alle in diese missliche Lage gebracht zu haben. „Fahr lieber zu – wir finden schon noch eine Unterkunft.“

Doch es kam keine Herberge mehr in Sicht. Als die Dunkelheit hereinbrach, rauschte der Regen in dichten Fäden auf das Dach, und im Wageninneren breitete sich eine ungemütliche, feuchte Kälte aus. Der Regen weichte die ungepflasterte Straße auf, und die Räder blieben immer häufiger stecken. Amos fluchte, wenn er den Wagen mit Hilfe des Jungknechtes aus dem Schlamm ziehen musste. Plötzlich tauchten Lichter in der Finsternis auf, und bei näherem Hinkommen erkannten sie ein Wirtsschild.

„Gottlob!“ Aufatmend lehnte sich Megan gegen den harten Bankrücken. „Hoffentlich ist es nicht wieder so eine verlauste Kaschemme. Ich könnte heute Nacht ein bequemes Bett gebrauchen.“

Amos hielt vor dem Eingang. Über der Tür leuchtete eine Laterne, in deren Schein das Schild leicht im Wind schwang. „The Rose and Crown“, las Elizabeth. Darunter war eine rot-weiße Rose abgebildet, das Emblem der Tudors.

Gefolgt von Elizabeth, kletterte Megan aus der Kutsche und stieß die Tür auf. Die Gaststube war bis zum letzten Platz gefüllt; offensichtlich hatten alle Reisenden der Umgebung rechtzeitig dafür gesorgt, ein schützendes Dach über dem Kopf zu bekommen. Ein appetitlicher Duft nach gebratenem Fleisch drang ihnen entgegen. Megan nickte zufrieden und steuerte die Theke an, auf der einige Talglichter brannten. Der Wirt und zwei Mägde hatten alle Hände voll zu tun, um die vielen Gäste zügig zu bedienen.

„Gott zum Gruß, Herr Wirt“, rief sie munter. „Wir brauchen zwei Schlafkammern und zwei Stellplätze im Stall.“

Er zuckte die Achseln. „Da seid Ihr ein bisschen spät dran, gute Frau. Bei mir ist kein Bett mehr frei.“

„Ihr werdet doch wohl ein trockenes Plätzchen für uns finden“, protestierte Megan. „Meine junge Lady hier“, sie schob Elizabeth vor, „ist die Tochter von Sir William Ruscot, dem Gutsherrn von Sea Palling. Er ist ein Verwandter des Herzogs von Norfolk“, fügte sie hinzu, um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen.

Der Wirt betrachtete die Neuankömmlinge abschätzend. Ihrer Kleidung nach schien es sich nicht um reiche Kundschaft zu handeln. Er warf einen Blick durch die halbgeöffnete Tür. Eben löste der Knecht die Pferde aus ihrem Geschirr. Die Tiere hatten jedenfalls schon etliche Jahre auf dem Buckel, dafür hatte der geschäftstüchtige Mann einen Blick.

„Euer Herr ist wohl beim König in Ungnade gefallen, dass er sich nichts Besseres als diese alten Klepper leisten kann“, spottete er. „Und den Bären mit der reichen Verwandtschaft braucht Ihr mir nicht aufzubinden. Draußen in der Scheune könnt Ihr Euch meinetwegen einen Platz suchen, obwohl es auch dort eng zugeht. Etwas anderes kann ich Euch nicht anbieten.“

Megan schnaubte empört. „Meine junge Lady draußen im Stall mit dem gewöhnlichen Pack – das kommt überhaupt nicht in Frage.“

„Wenn’s Euch nicht passt, könnt Ihr gern weiterziehen“, gab er patzig zurück. „Aber Ihr werdet im Umkreis von dreißig Meilen keine weitere Herberge finden.“

„Heda, Wirt“, rief ein Gast, der Kleidung nach ein wohlhabender Kaufmann, „wo bleibt mein Ale?“

„Kommt sofort“, rief der Wirt entschuldigend. „Euretwegen verärgere ich meine gute Kundschaft“, knurrte er, während er einen Humpen füllte.

„Verzeiht, wenn ich mich einmische“, hörten sie eine Stimme hinter sich. „Aber vielleicht kann ich Euch helfen.“

Megan fuhr herum und erblickte einen gutgekleideten jungen Mann.

„Wenn Ihr mögt, könnt Eure Herrschaft und Ihr meine Kammer haben. Ich kann mit meinem Diener draußen in der Scheune schlafen. Das Heu dort ist sauber und trocken, davon habe ich mich schon überzeugt.“

Erfreut erwiderte Megan: „Vielen Dank, Sir, Mistress Elizabeth und ich nehmen Euer Angebot gern an. Es gibt doch noch Edelleute, die sich auf ritterliche Tugenden besinnen.“

Der junge Mann verbeugte sich leicht und entfernte sich.

Als der Wirt von dem Arrangement erfuhr, nickte er gleichgültig.

„Wer ist der Herr, der uns sein Zimmer zur Verfügung stellt?“, fragte Elizabeth.

„Das ist Lord Philip Hamilton“, erklärte der Wirt. „Trotz seiner Jugend hat er schon eine gute Position bei Hof. Er steht hoch in der Gunst des Königs, habe ich gehört. Seine Lordschaft hat es nicht nötig, eine vornehme Verwandtschaft zu erfinden“, fügte er mit einem höhnischen Grinsen hinzu. „Denn er ist selbst vornehm.“

Megan reckte kämpferisch ihr Kinn und wollte ihm eine passende Antwort geben, aber Amos legte ihr beschwichtigend die Hand auf die Schulter.

„Halt endlich dein vorlautes Mundwerk, Megan“, sagte er bedächtig. „Du musst nicht immer das letzte Wort haben. Sei lieber froh, dass wir es so gut getroffen haben. So wie es aussieht, werden wir den morgigen Tag hier verbringen müssen. Die Wege sind aufgeweicht; mit unserem alten Gefährt riskieren wir einen Achsenbruch, wenn wir durch den Schlamm fahren. Der Wirt braucht uns nicht, aber wir sind auf ihn angewiesen.“

Sie machte ein finsteres Gesicht, sagte aber nichts mehr. Unterdessen kam der junge Mann zurück.

„An meinem Tisch sind zwei Plätze frei geworden“, berichtete er. „Wollt Ihr mir Gesellschaft leisten?“

„Mit dem größten Vergnügen“, antwortete Megan dankbar und bahnte sich einen Weg zwischen den Tischen. Elizabeth folgte ihr auf den Fersen. Ihr Magen knurrte, und nach dem zu urteilen, was die anderen Gäste auf ihren Zinntellern hatten, geizte der Wirt nicht mit guten Zutaten für seine Küche.

Aufatmend ließ sie sich auf der Eckbank am Fenster nieder. Die heutige Fahrt war besonders holprig gewesen, und sie hatte leichte Kopfschmerzen. Seufzend strich sie sich über die Stirn und lockerte ein wenig die eng sitzende Haube. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben. Auf den Tischen brannten Talglichter, die die Gaststube in eine angenehme Helligkeit tauchten.

Elizabeth betrachtete ihr Gegenüber. Der junge Edelmann mochte zehn Jahre älter als sie selbst sein. Seine Größe war ihr gleich aufgefallen – er überragte sie um mehr als einen Kopf. Seine schier endlos langen Beine steckten in schwarzen Beinkleidern, das bestickte Wams aus Samt schimmerte in derselben Farbe. Dichtes dunkles Haar umrahmte sein Gesicht mit den regelmäßigen Zügen. In seinen braunen Augen funkelte ein fröhliches Lächeln.

Zwei adrette Mägde erschienen und stellten gefüllte Teller, Becher sowie einen Tonkrug mit Met auf den Tisch. Elizabeth schnupperte genießerisch. Zu dem Krustenbraten gab es eine große Portion Hirsebrei und Erbsen. Megan verdünnte den starken Honigwein mit Wasser und füllte die Becher.

„Woher kommt Ihr?“, fragte Philip Hamilton, nachdem die Neuankömmlinge ihren ersten Hunger gestillt hatten.

„Aus Norfolk, wir sind auf dem Weg nach Horsham.“ Elizabeth berichtete von der langen Reise und der Herzoginwitwe, die sie erwartete.

„Ich habe Lady Agnes Howard kennengelernt“, erwiderte der junge Mann. „Es wird Euch in Horsham gefallen, glaube ich.“

„Ihr verkehrt am Hof, nicht wahr?“ Elizabeth hatte noch nie jemanden getroffen, der König Henry VIII. persönlich kannte. „Ich habe gehört, dass der Whitehall-Palast an Prunk alles überbietet, was es in England je gegeben hat. Wie glücklich müsst Ihr sein, dort leben zu dürfen!“

Er zögerte eine Weile, bevor er antwortete.

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Es stimmt, dass der König eine sehr prunkvolle Hofhaltung pflegt. Aber je länger man dort weilt, desto mehr Schattenseiten erkennt man. Im Übrigen bin ich auf der Reise nach London zu einem Regiment, das ich übernehmen werde.“

„Oh, Ihr seid Offizier?“, fragte sie lebhaft. „Mein Bruder ist auch beim Militär, er dient bei einem Regiment in Lancaster. Lieutenant Edward Ruscot, wir nennen ihn Ned. Sagt Euch der Name etwas?“

Um seine Mundwinkel zuckte ein Lächeln.

„Tut mir leid, Euch enttäuschen zu müssen, Mistress Elizabeth, aber ich bin Eurem Bruder noch nie begegnet. Auch sein Name sagt mir nichts.“

Megan hatte den Kopf auf die Eckbank gelegt und war eingeschlafen. Ihr leises Schnarchen wurde von dem Stimmengemurmel in der Gaststube übertönt. Elizabeth erzählte von Ruscot Hall, ihrem Vater und ihrer Kindheit.

Unauffällig ließ Philip den Blick über sie gleiten. Die Flamme des Talglichtes warf goldene Reflexe auf ihren rotblonden Zopf. Wenn sie lachte, bildeten sich zwei Grübchen auf ihren Wangen, und unter den vollen roten Lippen erschien eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne. Ihr Körper war kindlich schmal, und ihre kleinen Hände waren zart und feingliedrig. Er betrachtete ihr Gesicht mit den grauen Augen, in denen das ganze Glück einer behüteten, unbeschwerten Kindheit lag.

Sie ist noch ein Kind, aber bald wird die Frau in ihr erwachen, dachte er, und plötzlich fühlte er Mitleid in sich aufsteigen.

Sie weckte in ihm das Bedürfnis, sie zu beschützen. Sie vor den Schmerzen und Enttäuschungen zu bewahren, die das Leben besonders für Frauen mit sich brachte.

Elizabeth entging diese Regung nicht. „Was habt Ihr, Mylord?“, fragte sie unsicher. „Ihr schaut mich so seltsam an.“

Er schüttelte den Kopf. Das Lächeln kehrte in seine Augen zurück. „Erzählt weiter“, bat er.

Sie merkten nicht, wie die Zeit verging. Nach und nach verließen die anderen Gäste die Gaststube, um ihr Nachtquartier aufzusuchen. Das Talglicht auf dem Tisch war heruntergebrannt. An der Theke stellte der Wirt die irdenen Maßkrüge geräuschvoll auf das Brett an der Wand, um anzudeuten, dass er selbst zu Bett gehen wollte. Philip trank seinen Humpen leer und erhob sich.

„Mitternacht ist vorbei, und es war ein langer Tag für Euch, Mistress Elizabeth. Morgen früh müsst Ihr vermutlich beim ersten Hahnenschrei aus den Federn; schließlich habt Ihr noch einen langen Weg vor Euch.“

Sie schüttelte den Kopf. „So wie es aussieht, werden wir morgen nicht weiterfahren können. Unser Kutscher meint, dass die Straßen unpassierbar sind.“

Sie stand auf, knickste und bedankte sich bei Lord Hamilton. Dann weckte sie Megan, ging zur Theke und nahm das Nachtlicht, das der Wirt für sie dort bereitgestellt hatte. Gemeinsam folgten sie ihm zur der ausgetretenen Holztreppe, die in den ersten Stock zu den Schlafkammern führte.

Philip verließ das Haus durch den Hinterausgang und ging über den Hof zur Scheune.

 

„Gute Nacht, Mistress Lizzy, und schlaft gut.“ Megan blies die Kerze aus und ließ sich mit einem zufriedenen Seufzer in ihr Bett fallen.

Elizabeth streckte sich unter ihrer Bettdecke aus und sah in die Dunkelheit. Abends überkam sie immer das Heimweh, dann sehnte sie sich nach ihrem vertrauten Bett mit den dicken Vorhängen.

Dabei fühlte sie sich eigentlich recht wohl in dem einfachen, aber sauberen Zimmer. Den Leintüchern entströmte ein schwacher Duft nach Seife, und die Magd hatte ihr einen heißen Ziegelstein ins Bett gelegt. Elizabeth streckte die Füße aus und genoss die angenehme Wärme, als ihre Zehen den Stein berührten.

Es hatte aufgehört zu regnen, und das Wasser, das sich auf dem Dach gesammelt hatte, tropfte in regelmäßigen Abständen draußen auf die Fensterbank. Der Mond war hinter den Wolken verborgen, und der Raum lag in völliger Dunkelheit.

Elizabeth tastete nach dem Tischchen, das zwischen ihrem und Megans Bett stand. Bald hatte sie gefunden, was sie suchte – die große, unregelmäßig gezackte Muschel, die sie am Strand gefunden hatte. Das einzige Stück aus ihrer Sammlung, das sie mitgenommen hatte. Sie legte die Muschel ans Ohr und lauschte dem beständigen Rauschen, das im Inneren des Gehäuses erklang. Es war fast, als befände sie sich zu Hause.

Mit diesem beruhigenden Geräusch schlief sie ein. Das Letzte, was sie vor sich sah, war das Gesicht von Philip Hamilton. Er lächelte ihr zu, und in seinen braunen Augen lag ein fröhliches Funkeln.

3. KAPITEL

Sie erwachte, als jemand sie sanft am Arm schüttelte.

„Ihr müsst aufstehen, Mistress Lizzy. Es ist schon spät, und wenn wir uns nicht beeilen, bekommen wir kein Frühstück mehr“, sagte Megan.

Das Zimmer lag im vollen Morgenlicht. Die Sonne schien durchs Fenster und warf ein rautenförmiges Muster auf die Holzdielen. Elizabeth schwang sich aus dem Bett und machte sich rasch fertig.

Wenig später betraten sie die leere Gaststube. Der Tisch, an dem sie gestern Abend gesessen hatten, war schon gedeckt. Zufrieden begutachtete Megan die Schüssel mit dampfendem Porridge, das, so hoffte sie, mit Honig gesüßt war. Die Schankmagd stellte einen Tonkrug mit heißer Milch auf den Tisch.

„Das Wetter meint es gut mit uns – Amos glaubt, dass die Straße nach dem Mittagessen passierbar sein müsste“, berichtete Megan, während sie die Milch in irdene Becher füllte. „Dann kommen wir heute noch ein gutes Stück voran – das ist besser, als ich zu hoffen wagte.“

Der Wirt kam an ihren Tisch. „Ist alles zu Eurer Zufriedenheit?“

„Gut und reichlich, das muss ich sagen. Wo ist der nette Gentleman, der uns gestern sein Zimmer überlassen hat?“

Der Wirt zeigte sich heute aufgeschlossener. Es beeindruckte ihn, dass Lord Hamilton sie gestern an seinen Tisch gebeten hatte. Vielleicht stimmte die Geschichte mit der vornehmen Verwandtschaft ja doch.

„Sein Diener hatte Zahnweh“, berichtete er. „In Bishop’s Stortford gibt es einen ehemaligen Feldscher, der sich auch aufs Zähne ziehen versteht. Lord Philip ist mit seinem Patienten heute Morgen dort hin geritten. Aber freilich, Bishop’s Stortford liegt gute fünfundzwanzig Meilen von hier entfernt. Vor der Dämmerung erwarte ich die beiden nicht zurück.“

„Dann werden wir ihn nicht mehr treffen“, sagte Megan bedauernd. „Richtet ihm einen Gruß von uns aus.“

 

Das wenige Gepäck war rasch gepackt, und nach dem Mittagessen machten sich die Reisenden auf den Weg. Eine warme Frühlingssonne schien vom blassblauen Himmel und trocknete die Pfützen, die der Regen in der Nacht in den Schlaglöchern der Straße gebildet hatte.

Sie waren gute zwei Stunden unterwegs, als Elizabeth plötzlich den Arm ihrer Gefährtin packte.

„Wir müssen zurück – ich habe die Muschel vergessen.“

„Was?“

„Meine rauschende Muschel. Ich habe sie auf dem Tischchen liegen gelassen, das zwischen unseren Betten stand.“ Elizabeth streckte den Kopf aus dem Fenster. „Halt an, Amos, wir müssen zurückfahren.“

„Auf keinen Fall, Mistress Lizzy“, entgegnete Megan. „Wir sind ja schon zehn Meilen gefahren, so einen Zeitverlust können wir uns nicht leisten. Ihr sucht Euch in Horsham eben eine andere Muschel.“

„Wo denn?“ Elizabeth blinzelte eine Träne fort. „Vater hat gesagt, dass es dort weit und breit kein Meer gibt. Bitte, Megan, lass uns doch umkehren! Ich habe ja sonst gar keine Erinnerung an zu Hause.“

Megan nahm sie in die Arme und strich ihr über die Wange.

„Es geht wirklich nicht“, antwortete sie freundlich, aber bestimmt. „Wir haben gestern durch den Regen genug Zeit verloren. Wenn ich wieder daheim bin, suche ich eine schöne Muschel und schicke sie Euch.“

Schließlich gab Elizabeth nach. Aber sie dachte noch lange wehmütig an ihren Fund, an dem sie nur kurze Zeit Freude gehabt hatte.

*

Einige Tage später erreichten sie London.

Ein Meer aus Häusern dehnte sich scheinbar endlos vor ihnen. Verglichen mit der englischen Hauptstadt wirkte selbst Norwich, das Elizabeth beeindruckend gefunden hatte, bescheiden. Sie hatte den Ledervorhang des Wagens, der die Reisenden vor Regen und Zugluft schützte, zurückgeschoben und betrachtete interessiert die zahlreichen Lastkarren und Kutschen, die die hohen, dicht nebeneinander errichteten Häuser passierten, vor denen Händler ihre Verkaufsbuden aufgestellt hatten. Selbst in den breiteren Straßen herrschte ein solches Gewimmel, dass überall ein Gedränge entstand.

Amos hätte niemals zugegeben, dass ihm die riesige Stadt Respekt einflößte. Er fürchtete, sich in dem Häusermeer und Gewirr von Straßen zu verirren. Er wollte London so schnell wie möglich verlassen, aber das war gar nicht so einfach. Mehrfach wurde ihnen der falsche Weg zum Ludgate, dem südlichen Stadttor, gewiesen, sodass sie in enge, gewundene Gassen gerieten, in denen sich alle Sorten von üblen Gerüchen mischten. Erleichtert atmete sie auf, als sie London im Rücken hatten und sich zu beiden Seiten der Landstraße saftige grüne Wiesen erstreckten, denen ein frischer Duft nach Gras und wilden Blumen entströmte.

*

Zwei Tage später wies Amos bei der Mittagsrast mit seinem Peitschenstiel auf ein langgestrecktes Gebäude, das am Horizont zu erkennen war. „Da vorne liegt Chesworth House, das Anwesen der Herzoginwitwe. Jetzt ist es nicht mehr weit.“

„Gottlob“, Megan atmete auf, „ich hätte es keinen Tag länger auf dieser harten Holzbank ausgehalten.“

Bald darauf fuhr die Kutsche durch einen weitläufigen, verwilderten Park. Dann tauchte Chesworth House auf, ein langgestreckter zweistöckiger Fachwerkbau aus dem späten 15. Jahrhundert, umgeben von einem Wassergraben. Der Haushofmeister hielt die Kutsche an und fragte nach dem Begehr der Reisenden.

„Mistress Elizabeth Ruscot wünscht Ihre Gnaden, die Herzoginwitwe, zu sprechen“, antwortete Megan würdevoll, nachdem sie und Elizabeth ausgestiegen waren. „Sie erwartet uns.“

Der Mann sah die kleine, untersetzte Frau geringschätzig an. „So seht Ihr aus“, erwiderte er spöttisch. „Abgesehen davon weilt meine Herrin bereits in London. In zwei Wochen wird Anne Boleyn in Westminster Abbey zur Königin gekrönt, und die Herzoginwitwe wird ihre Schleppe tragen.“

Widerwillig führte er sie durch das Hauptportal ins Innere des Hauses. Elizabeth sah sich staunend um. Chesworth House war deutlich größer als Ruscot Hall, doch wohnten hier offensichtlich auch viel mehr Menschen. In der Halle und in den Gängen begegneten ihr junge Leute, die meisten von ihnen waren ein paar Jahre älter sie selbst. Niemand nahm von ihr und Megan Notiz.

„So, da sind wir.“ Nachdem sie zwei Treppen erklommen hatten, bog der Haushofmeister in einen schmalen Gang ein, wies auf eine offene Tür und ein Bett und verschwand.

Megan trat über die Schwelle und sah sich kritisch um. „Lieber Himmel“, murmelte sie. „Wenn Euer Vater das wüsste …“

In dem kleinen Schlafgemach standen drei Betten. Es ging nach Norden hinaus, und durch das schmutzige Fenster fiel das Licht nur spärlich. Das Bett, das der Mann bezeichnet hatte, befand sich direkt an der Tür.

„Warum sollt gerade Ihr den schlechtesten Platz haben?“, murrte die Dienerin. „Ich will doch mal fragen, ob Ihr nicht das Bett in der Ecke bekommen könnt …“

„Nein“, unterbrach Elizabeth sie hastig. „Bitte, frage ihn nicht – ich bin sehr zufrieden, so, wie es ist.“

Megan öffnete die beiden Truhen, die in einer Ecke des Zimmers standen, und fand sie mit Kleidungsstücken gefüllt. „Nicht einmal Eure Sachen kann ich einräumen“, seufzte sie. „Eine schöne Wirtschaft ist das hier. Hoffentlich haben sie wenigstens daran gedacht, uns eine Mahlzeit zu richten.“ Sie eilte aus der Kammer.

Elizabeth setzte sich auf das durchgelegene Bett und sah vor sich hin. Sie fühlte sich verloren an diesem Ort, wo sich niemand für sie interessierte. Bei dem Gedanken an den bevorstehenden Abschied von Megan musste sie die Tränen zurückdrängen.

Vom Flur her klangen fröhliche Stimmen, und zwei Mädchen – Elizabeth schätzte, dass sie ungefähr in ihrem Alter sein mochten – betraten den Raum. Die eine war auffallend hübsch, ein wenig mollig und mit glänzendem kastanienbraunem Haar. Ihre Gefährtin dagegen war hochgewachsen und schmal; unter ihrer weißen Leinenhaube lugte ein dunkelblonder Zopf hervor. Sie blieben an der Tür stehen und betrachteten Elizabeth.

„Du bist also die Neue“, sagte die Kleinere schließlich. „Ich bin Catherine Howard, die Nichte des Herzogs von Norfolk, und das ist meine Freundin, Mary Lascelles.“

„Catherine Howard!“, rief Elizabeth erfreut. „Dann sind wir miteinander verwandt, denn meine Großmutter mütterlicherseits war eine geborene Howard. Ich heiße Elizabeth Ruscot.“ Sie streckte Catherine die Rechte entgegen, doch die trat einen Schritt zurück.

„Ruscot“, wiederholte sie stirnrunzelnd. „Dann bist du keine echte Howard. Und dein Vater ist beim König in Ungnade gefallen.“

„Das ist nicht wahr!“, widersprach Elizabeth erregt. „Warum sollte er in Ungnade gefallen sein?“

Catherine dachte nach. „Das weiß ich nicht“, gab sie zu. „Aber ich habe gehört, wie mein Onkel, der Herzog von Norfolk, vor kurzem zu Großmutter sagte: ‚Ich wundere mich, dass Ruscot seinen Kopf noch auf den Schultern trägt. Allerdings ist er so unbedeutend – einen armseligen Landjunker wie ihn übersieht man leicht unter den Aufständischen.‘ Also erzähl bitte niemandem hier, dass wir verwandt sind. Es wäre mir peinlich.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus.

Elizabeth sah ihr mit flammendem Blick nach. Zu Hause behandelten sie alle Menschen respektvoll, wie es ihr als Tochter des Gutsherrn zustand. Aber hier, das wurde ihr schnell klar, war ihr Platz ganz unten in der Hierarchie.

Das blonde Mädchen, das Catherine als Mary vorgestellt hatte, stand noch immer an der Tür. „Mach dir nichts daraus“, sagte es tröstend. „Cathy trägt die Nase ziemlich hoch. Aber sie ist großzügig und teilt ihre Süßigkeiten immer mit den anderen. Es ist ihr zu Kopf gestiegen, dass ihre Kusine Anne Boleyn in zwei Wochen zur Königin gekrönt wird. Irgendwie bildet sie sich jetzt ein, zur königlichen Familie zu gehören.“

Sie wies auf die eisenbeschlagene Truhe, die der Knecht ins Zimmer getragen hatte. „Wenn du willst, helfe ich dir beim Auspacken. Du kannst deine Sachen bei mir unterbringen, ich rücke meine Gewänder ein bisschen zusammen. Für eine dritte Truhe ist nämlich leider kein Platz mehr.“

 

Zwei Tage später fuhr Megan zurück. Ihre Augen waren feucht, als sie ihren Schützling liebevoll umarmte. „Behüte Euch Gott, Mistress Lizzy. Es fällt mir so schwer, Euch hier allein zurückzulassen. Schreibt Eurem Vater recht bald – wir wollen doch wissen, wie es Euch geht.“

Eine letzte Umarmung, dann stieg sie in die Kutsche. Amos schnalzte mit der Zunge, und der Wagen rollte über die Brücke des Wassergrabens, der das Schloss umgab. Elizabeth blickte ihm nach, bis er am Horizont verschwunden war. Mit Megan verlor sie das letzte Stück Heimat, das sie bis dahin begleitet hatte.

*

Tatsächlich hatte sich Elizabeth nach den ersten Tagen, in denen sie sich fremd und verloren auf dem schlossartigen Landsitz gefühlt hatte, überraschend schnell eingelebt. Zwar dachte sie sehnsüchtig an Ruscot Hall zurück, wenn sie abends vor dem Einschlafen in die Dunkelheit sah. Doch das Heimweh wurde mit jedem Tag schwächer.

Sie bemerkte bald, dass der Haushalt in Chesworth House anders geführt wurde als auf dem Anwesen ihres Vaters. Sir William achtete auf Ordnung und Sauberkeit, und da Megan genauso dachte wie ihr Herr, war der Haushalt von Ruscot Hall zwar einfach, aber in einem musterhaften Zustand.

In Chesworth House war es gerade umgekehrt. Denn Lady Agnes interessierte sich weder für ihre Schutzbefohlenen noch für ihren Besitz, sondern zog ihr elegantes Stadthaus in Lambeth als Wohnsitz vor. Die Führung des Haushaltes lag daher in den Händen des Haushofmeisters, der sich mehr dem Ale als seinen Pflichten widmete. Entsprechend ließ die Disziplin unter den Dienstboten zu wünschen übrig: In jeder Ecke des großen Hauses herrschte Unordnung, und mit der Sauberkeit war es nicht allzu gut bestellt.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Unterricht für die Schülerinnen. Ein Magister kam täglich nach Chesworth und unterrichtete sie in Französisch, Geschichte und den Grundkenntnissen des Rechnens. Ein junger Mann namens Roger Morton lehrte sie Musik und Tanz. Wer etwas lernen wollte, nahm an den Stunden teil, wer nicht, genoss mehr Freizeit. Die Herzoginwitwe gab nicht viel auf Bildung, und bei Mädchen hielt sie allzu große Gelehrsamkeit ohnehin für schädlich.

Elizabeth freute sich jeden Morgen auf den Unterricht. Der Magister, ein freundlicher älterer Herr, erinnerte sie an den Geistlichen von Sea Palling, der sie bis zu ihrer Abreise unterrichtet hatte. Begierig saugte sie das Wissen auf, lernte gewissenhaft französische Vokabeln und las die Bücher, die er mitbrachte. Sie verbrachte auch viel Zeit bei Roger Morton im Musikzimmer. Ihr Vater hatte Wort gehalten und erlaubte ihr, die Laute und das Virginal zu lernen. Ihre Tage waren ausgefüllt.

Ihre Zimmergenossinnen waren ihre besten Freundinnen geworden. Elizabeth schloss sich eher der ruhigen, sanften Mary Lascelles an, denn Catherine Howards Arroganz brachte sie oft an den Rand ihrer Geduld. Dennoch konnte man Cathy nie lange böse sein. Sie war immer fröhlich und teilte ihre Süßigkeiten, die sie regelmäßig auf dem Markt in Horsham einkaufte, großzügig mit ihren Freundinnen.

*

Anfang Juni kehrte die Herzoginwitwe aus London zurück. Allen fiel die strahlende Laune der Schlossherrin auf.

„Die Krönungszeremonie war ein einziger Triumphzug für Anne, sagt Großmutter“, berichtete Catherine ihren Freundinnen. „Sie fuhr in der Barke des Königs die Themse hinauf und dann weiter in einer Sänfte bis zur Westminster Abbey. Ihr rotes Brokatkleid war über und über mit Edelsteinen besetzt. Der Krönungsmantel war ebenfalls purpurrot und mit einem Hermelinpelz verbrämt. Im Haar trug sie Diamanten und Perlen.“

„Sieht man ihr die Schwangerschaft schon an?“, fragte Mary. „Immerhin soll das Kind ja im September auf die Welt kommen.“

„Man soll es doch sehen“, entgegnete Catherine. „Gott hat Annes Leib gesegnet – sie trägt den Thronfolger unter dem Herzen. Der Erzbischof von York persönlich setzte ihr die Krone aufs Haupt, und alle außer dem König verneigten sich vor ihr.“

„Ich verstehe das Ganze nicht so recht“, bekannte Elizabeth. „Warum hat sich der König scheiden lassen und Anne geheiratet?“

Catherine zuckte die Achseln. „Das weiß ich nicht.“

„Der König war doch in erster Ehe mit der spanischen Infantin Katharina von Aragon verheiratet“, erinnerte Mary. „Sie gebar ihm sechs Kinder, aber nur eines überlebte das Kindesalter, nämlich Prinzessin Mary. Aber er braucht doch einen Sohn, der die Krone nach seinem Tod erbt und den Namen Tudor weiterführt. Außerdem hatte er sich in Anne verliebt, die Katharina als Hofdame diente. Also wollte er sich von seiner Gemahlin scheiden lassen, um Anne zu heiraten.“

„Aber nur der Papst kann eine Ehe scheiden“, wandte Elizabeth ein.

„Richtig – und Papst Clemens hätte Henrys Wunsch auch gerne erfüllt. Es war einfach Pech, dass gerade zu dieser Zeit die Truppen von Kaiser Karl von Österreich vor den Toren Roms standen. Kaiser Karl ist nämlich Katharinas Neffe. Er drohte, die Stadt in Schutt und Asche legen zu lassen, wenn der Papst die Ehe scheiden würde. Was sollte der Heilige Vater da tun? Die eigene Haut stand ihm natürlich näher als die Nachwuchssorgen unseres Königs.“

„Woher weißt du das denn alles?“, fragte Elizabeth beeindruckt.

„Mein Bruder John hat es mir geschrieben“, antwortete Mary. „Er ist ein begeisterter Anhänger der Reformation. Henry spaltete sich daraufhin von der katholischen Kirche ab und führte die lutherische Lehre in England ein. Damit ist er Oberhaupt der anglikanischen Kirche, wie sie jetzt heißt. Der gesamte kirchliche Besitz im ganzen Land gehört dadurch der Krone. Katharina musste den Hof verlassen, und er heiratete Anne heimlich im Januar. Und als sie schwanger wurde, ordnete er ihre Krönung an.“

Catherine gähnte. „Es ist furchtbar langweilig, was du da erzählst, Mary. Wer interessiert sich denn schon für Politik!“

„Ich finde es sehr interessant“, widersprach Elizabeth lebhaft. „Aber ich kann mir nicht vorstelle

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