Annika Dick

Der Ritter und die Bastardtochter

Der Ritter und die Bastardtochter

von Annika Dick
„Brenne, du Hexe!“ Mit Todesverachtung steht Rayne auf dem glimmenden Holzhaufen, der ihr Schicksal bedeutet. Die Menge schreit nach ihrer Hinrichtung. Gleich lodern die Flammen hoch, fressen sich in ihre zarte Haut – da kämpft sich ein fremder Krieger vor, zerschlägt ihre Fesseln und reitet mit ihr davon. Nur zu welchem Preis? Rayne spürt seinen finsteren Blick auf ihrer Haut. Nicholas Kendall, der Earl of Ravenglass, weiß genau, wie sie ihm die Freiheit vergelten kann. Er zwingt sie, seinen Bruder zu heilen! Wütend folgt sie ihm auf seine Burg – doch eines schwört sie sich: dem Ritter zu zeigen, wie widerspenstig Hexen wirklich sind …
Erscheinungsdatum:
15.12.2014
Format:
ePub oder .mobi
Preis:
4,99 €

Kundenrezensionen

Von: Nana 27.01.2015
Meine Meinung: Das Cover ist traumhaft. Ganz klar, hier handelt es sich um einen historischen Roman (was ich ja eigentlich nicht lese, aber bei Annika Dicks Schreibstil fällt das kaum auf). Die satten Farben und die Personen auf dem Cover, plus der Klappentext, das alles ist eine wirklich geniale Kombination und richtig stimmig. Komm ich auch gleich zu den Protagonisten. Zuerst hier zu Rayne, eine Hexe – äh, Pardon, eine Heilerin. Aber seinerzeit war das dasselbe. Es sind deshalb auch leider viel zu viele Leute gestorben, die keinen Bund mit dem Teufel hatten. Nicholas ist unser Ritter aus dem Titel. Er ist eben erst aus dem Krieg zurück, kommt zu Hause an und nix ist mehr, wie es war. Der Vater tot, der Bruder schwer krank, niemand weiß, was passiert ist und er muss handeln. Ihm zur Seite steht Niall, sein schottischer Freund, der ein wahrer Sympathieträger in dieser Geschichte ist. Sollte es je eine Fortsetzung geben, so wünsche ich mir, mehr über ihn zu erfahren. Wir haben natürlich noch einige mehr Leute, Agnes und Henry zum Beispiel, gaaaanz wichtig, wenn man es genau nimmt. Ebenso das Schwesterchen Joanna und Katherine und noch einige Nebenfiguren. Die Sprache ist herrlich erfrischend und das trotz der gewohnt altertümlichen Sprechweise. Es gibt jede Menge Humor in den Dialogen, traumhafte Beschreibungen und gut gespannte Spannungsbögen. Die Perspektiven werden von der Autorin gewechselt, sodass es nie langweilig wird und ich als Leser auch mal in den Kopf des Bösewichts schauen darf. Und, wie für historische Romane üblich, gibt es Liebesszenen. Um etwas genauer zu werden, es gibt Sex. Ungeblümt und ungeniert lässt mich die Autorin durch das Schlüsselloch ins Schlafgemach linsen und treibt mir durch ihre offene Art die Schamesröte ins Gesicht. :) Hier und da finden sich noch Schreibfehler, die dem Korrektorat durchgerutscht sind, vielleicht kann man da noch einmal drüber. Fazit: Ich bin ja wirklich immer etwas kritisch, wenn es um ein Genre geht, das ich normalerweise meide, hier aber wurde ich direkt in die Geschichte gezogen. Der Einstieg war weise gewählt. Die Hexe soll brennen, tut es aber nicht, da sie gerettet wird. Und dennoch erfahre ich als Leser, wie das Puzzel zusammen passt. Selbst als mir die Autorin ohne Vorwarnung einige pikante Details offenbart (was ist mit Jacob, wer intrigiert hier etc.), kommt keine Langeweile auf, denn sie weiß genau, wie sie ihre Protagonisten zu lenken hat, um Spannung zu erzeugen – und das tut sie. Obwohl die Geschichte alles hat, was zum historischen Genre gehört, fühlt es sich für mich nicht so an. Ich habe einen Spannungsroman, ein wenig Krimi, Liebe und Intrige und nebenbei etwas Erotik in Perfektion mit Humor. Ebenso hat die Autorin recherchiert, was mir die Fähigkeiten der Hexe, äh, Heilerin Rayne deutlich macht. Ich wurde gut unterhalten und habe das eBook in einer für mich persönlich, recht kurzen Zeitspanne verschlungen. Ein paar Fragen blieben offen, was ich Annika Dick jedoch nicht übelnehme, denn sie lässt mir dadurch Spielraum, um selbst ein wenig zu träumen und den Nachspann der Geschichte weiterzuspinnen. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung. Ein Wiedersehen mit Rayne, Nicholas, Niall, Joanna und Katherine wäre sicherlich spannend und schön. Eine Katzen-Leseempfehlung, denn »Der Ritter und die Bastardtochter« hat alles zum Schnurren, zum Fauchen und zum Maunzen :)
Von: liberty 27.01.2015
Rayne wird auf dem Scheiterhaufen errettet, um das als Heilerin den Bruder des Burgherren zu helfen, der unter einem schweren Fieber leidet. Auf der Burg trifft Rayne auf unverblümten Hass, Vorurteile, Intrigen, aber auch Anerkennung, Achtung und sogar Liebe. Der Leser wird sofort mitten ins Geschehen katapultiert. Und mit unglsublicher, manchmal schwer zu ertragender Spannung nimmt die Handlung ihren Fortgang. Die einzelnen Personen werden mit interessanten Charaktereigenschaften sehr lebensnah beschrieben. Als Leser fühlt man Freud und Leid fast hautnah mit. Die Handlung ist spannend, aber auch romantisch und stellenweise auch mit prickelnder Erotik ausgestattet. Letzteres paßt mE nicht unbedingt in einen historischen Roman. Die Szenen werden aber so gefühlvoll und behutsam geschildert, dass auch dies in den Rahmen des Buches paßt. Leseempfehlung für Freunde höchst spannender Unterhaltung vor historischem Hintergrund kombiniert mit Grausamkeit, Intrigen und prickelnder Erotik. Ein Buch, das wenn man es zu lesen begonnen hat, nicht mehr aus der Hand legen kann.
Von: Testengel 27.01.2015
Die Handlung hat mich sofort gefangen genommen und ins abergläubische Mittelalter katapultiert. In ein Zeitalter, in der es Frauen nicht leicht hatten und Heilkundige schon gar nicht. Doch Rayne wird nicht nur wegen ihrem fachkundigen Umgang mit Kräutern geächtet… auf ihr scheint ein Fluch zu liegen… Der Earl of Ravenglass ahnt davon nichts, er weiß nur, Rayne ist die Einzige, die seinem Bruder noch helfen kann… Mit allen Mitteln versucht Rayne, ihn davon zu überzeugen, dass sie keinesfalls auf DIESE Burg gehen darf, dass es Unglück für sie und die Burg bedeutet, wenn Rayne dort jemals wieder sein sollte… doch was steckt hinter dem Fluch, der auf ihr lastet und was verbindet sie mit der Burg Ravenglass? Ein finsteres Geheimnis lastet auf ihrer Herkunft… doch allen Widrigkeiten zum Trotz hilft sie dem Bruder des Earl… Selbstverständlich gibt es hier auch romantische und erotische Szenen, diese aber so süss und glaubhaft, dass ich jede Buchseite sehr genossen habe. Aber auch brutale Szenen, frauenverachtend, enthält das Buch… Rayne ist eine bemerkenswerte und starke Frau, die oft genug auch Schwächen zeigt. Die Szenen sind so lebhaft geschrieben, dass man den Schmerz und die Angst von Rayne spüren kann… doch auch ihre Stärke und ihre Sehnsucht… ihre Liebe und ihre Hoffnung. Das Buch hat immer wieder spannende Wendungen und selbst am Schluss schafft es die Autorin, den Leser bei der Stange zu halten und auf eine Fortsetzung hoffen zu lassen… Ich habe das Buch sehr genossen und mit viel Freude gelesen. Ein bewegendes, spannendes und romantisches Spektakel vor der Kulisse von Aberglauben und Hexenverbrennungen.
Von: Ascari 27.01.2015
Annika Dicks "Der Ritter und die Bastardtochter" entdeckte ich das erste Mal schon vor einigen Wochen auf "Blogg dein Buch" und setzte es mal auf meine WuLi. Umso erfreuter war ich, als ich es bei Lovelybooks wieder entdeckte - und eine Leserunde gleich dazu :). Auf diesem Weg gleich einmal vielen Dank dafür, dass ich zu den glücklichen Gewinnern gehört und ein Rezensionsexemplar bekommen habe! Meine Meinung: Das Cover und der Klappentext versprachen einen schönen historischen Roman im Mittelalter, eine Heldin, die als Hexe verschrien und dementsprechend unkonventionell ist und natürlich den Ritter als Retter, in den sie sich nach einigem Hin und Her verliebt. Ich rede jetzt nicht lange um den heißen Brei herum: Diese Erwartungen sind für mich zum Teil erfüllt worden, zum Teil nicht. Der Roman spielt nicht im Mittelalter, sondern eigentlich am Ende der Renaissance, zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Diese Information habe ich allerdings in der Ausschreibung der Leserunde übersehen, ich habe mich hier wohl ein wenig zu viel vom Cover blenden lassen, wo die beiden Protagonisten mittelalterliche Kleidung tragen (Sie sieht zumindest für mich danach aus :D). Die einzelnen Kapitel lassen sich rasch und flüssig lesen. Einzelne Tippfehler sind vorhanden, kann man aber beim Lesen gut ignorieren. Rayne und Nicholas als Charaktere habe ich rasch liebgewonnen, ebenfalls Nicholas' Freund Niall. Seine Seitenhiebe auf die Engländer (Er selbst wird als Schotte beschrieben, der mit Nicholas im Krieg war) waren mehr als einmal wirklich zum Schießen! Was ich nicht so überzeugend fand, war die im Klappentext erwähnte Widerspenstigkeit Raynes. Davon habe ich eigentlich nur sehr wenig gemerkt. Sie wirkte auf mich eher wie jemand, der sich relativ schnell mit der neuen Situation abfindet, trotzdem aber sehr vorsichtig und zurückhaltend auf die Umgebung reagiert. Was aber aufgrund ihrer Herkunft und dem ekelhaften Verhalten der Bediensteten verständlich ist - wer als Hexe verschrieen war, hatte es wohl wirklich nicht leicht in dieser Zeit. Nur: Mit Widerspenstigkeit hat das wenig zu tun, finde ich. Im Roman werden Rayne und Nicholas relativ rasch ein Liebespaar. Dafür dass sie am Anfang eigentlich gar nicht mit ihm mitgehen will, von ihm mehr oder weniger gezwungen wird, hätte ich mir hier ein paar Funken sprühende Wortgefechte mehr durchaus gewünscht :). Auch die erste Liebesszene kam in diesem Zusammenhang recht schnell. Spannend fand ich übrigens in diesem Zusammenhang, wie unterschiedlich die Leser in der Leserunde darauf reagiert haben. Ich hatte ein paar Mal das Gefühl, dass die doch recht detailliert beschriebenen Sexszenen nicht allen gefallen haben. Offensichtlich ist es doch (noch) nicht üblich, in historischen Liebesromanen so ins Detail zu gehen wie in erotischen? Den Schluss war in meinen Augen leider ein wenig vorhersagbar, hier hätte ich mir noch ein paar Verwicklungen mehr gewünscht, ehe es zum Showdown kam. Aber gut, bei einer Länge von 190 Seiten auf meinem Sony Reader darf ich jetzt nicht die Details und die Tiefe eines herkömmlichen Romans erwarten, denke ich. Trotz dieser Dinge hat es mir nämlich Spaß gemacht, das Buch zu lesen und darüber in der Leserunde zu diskutieren - und ich konnte dabei dank der Autorin sogar noch etwas über die Herkunft des Anstoßens beim Trinken lernen :). Mein Fazit: Ein schöner, historischer Roman mit einer liebevoll gezeichneten Heldin, die sich gegen die Vorurteile und Intrigen ihrer Umgebung erfolgreich durchsetzt. Sternchen-Abzug gibt es aber für den Klappentext, der in Verbindung mit dem Cover andere Schlüsse auf die Handlung und das Zeitalter zulässt, und dafür, dass der Plot an einigen Stellen für meinen Geschmack etwas abwechslungsreicher hätte sein können.
Von: mabuerele 29.01.2015
Rayne wird als Hexe angeklagt. In England unter König James ist der Hexenglaube wieder aufgeflammt. Mit ihren roten Haaren und der Arbeit als Heilerin ist Rayne dafür prädestiniert. Sie steht auf dem Scheiterhaufen. Der Henker hat die Fackel schon in der Hand. Da erscheinen zwei Reiter. Nicholas, Earl of Raverglass, zerschneidet die Fesseln, hebt das Mädchen auf Pferd und reitet mit ihr davon. Die Autorin hat einen fesselnden historischen Roman geschrieben. Die Protagonisten werden gut charakterisiert. Rayne ist eine selbstbewusste junge Dame. Doch sie trägt schwer an der Bürde ihrer Vergangenheit. Sie hat im Ohr noch die Worte ihrer Mutter, sich von Ravenglass fernzuhalten. Genau dort aber ist sie jetzt, um Jakob, den Bruder des Earl, gesund zu pflegen. Nicholas ist aus dem spanischen Krieg zurückgekehrt und musste die Aufgaben des Earl übernehmen, da sein Vater plötzlich verstorben ist. Den Hexenglaube kann er nichts abgewinnen. Er zeigt, dass er der Herr ist, wenn es notwendig ist, nutzt aber seine Macht nicht aus. Sein Freund Niall ist Schotte. Er bringt eine gewisse Leichtigkeit in die Geschichte. Seine treffsicheren Sprüche haben mich mehr als einmal zum Lächeln gebracht. Das Buch ließ sich zügig lesen und hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Dazu haben die abwechslungsreiche Handlung und der flüssige Sprachstil beigetragen. Kurze Rückblicke lassen mich als Leser Raynes Probleme nach und nach verstehen. Sie sieht sich nicht nur Aberglauben und Verachtung gegenüber, sondern auch einem verschlagenen Feind. Sehr behutsam schildert die Autorin die aufkeimende Zuneigung von zwischen Rayne und Nicholas. Für ihre erstes Zusammensein gibt sie ihnen nicht nur Zeit, sie verwendet stimmungsvolle Bilder voller Zartheit. Die Wiedergabe von Gefühlen ist eine der Stärken der Autorin. Angst und Wut, aber auch Freude und Hoffnung spielen dabei eine besondere Rolle. Der Spannungsbogen ist hoch. Zur Auflockerung dienen eine Vielzahl von Gesprächen. Raynes trockene Art, anderen die Wahrheit zu sagen und Nialls schottischer Humor sind besondere Leckerbissen. Erstaunlich ist, dass zwei Personen eine wichtige Rolle einnehmen, obwohl sie nie selbst in der Handlung auftreten. Das sind Nicholas` Vater, dessen fortschrittliche Ansichten seine Kinder geprägt haben, und Nialls Großmutter, von der ein ähnliches Bild gezeichnet wird. Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es hat mich nicht nur gut unterhalten, sondern auch ein Bild einer Zeit gemalt, die von Aberglaube geprägt war. Zu Erwähnen sind außerdem die Informationen über Heilmethoden, die geschickt in der Handlung integriert waren. Dank Niall kenne ich nun auch über die Unterschiede zwischen Schotten und Engländern
Von: gunda 02.02.2015
Inhalt Rayne wurde als Hexe verurteilt und steht schon auf dem Scheiterhaufen als sie von Nicolas gerettet wird. Er bringt sie auf seine Burg damit sie seinen kranken Bruder heilen kann. Sie hatte sich geschworen die Burg auf der sie geboren wurde und sie als Hexe verschrien wurde niemals wieder zu betreten doch Nicolas lasst ihr keine wahl. Gelingt es ihr trotz Ablehnung durch das Personal Jakob zuretten? Der Roman ist flüssig geschrieben und lässt sich leicht weglesen, man ist gleich mittendrin in der geschichte die einen nicht  mehr los lässt.  Freunde historischer liebesgeschichten kommrn hier auf ihre kosten.
Von: Denises Lesewelt 24.06.2015
Handlung Rayne soll als Hexe verbrannt werden, doch wird sie in letzter Sekunde vom Scheiterhaufen gerettet und verschleppt. Der kühne Retter ist der Earl von Ravenglass. Er hat eine Aufgabe für die Heilerin, wäre da nicht ihr stures Wesen, welches ihm im Wege steht. Unter keinen Umständen wollte sie jemals zurück auf diese Burg. Was würde sie dort erwarten? Gestaltung Dieses Cover ist eins der Wenigen, das mich bei historischen Romanen anspricht. Hier sehen wir den Earl von Ravenglass und Rayne. Beide finde ich absolut gut getroffen. So konnte ich mir sie noch besser vorstellen. Schrecklich finde ich es, wenn die Figuren auf den Covern nicht zur Geschichte passen. Aber hier ist alles in bester Ordnung. Cover und Titel haben mich förmlich angezogen, was ich nicht bereut habe. Meine Meinung Mit großer Neugier bin ich an dieses Buch heran getreten. Die Autorin war mir bislang unbekannt, weshalb ich diesbezüglich meine Erwartungen auch immer klein halte. Das wäre aber absolut nicht nötig gewesen. Ich liebe den Schreibstil der Autorin. Viele halten von historischen Büchern Abstand, denn oft erdrückt der geschichtliche/historische Teil der Geschichte alles andere. Bislang habe ich das aber noch nicht erleben müssen. Dieses Buch strotzte nur so vor Spannung und seine Figuren zogen mich in ihren Bann. Die Autorin hat einen wirklich sehr angenehmen Humor, den sie nicht zu knapp in ihre Geschichte einfließen lassen hat. Besonders die Figur Niall, ein guter Freund des Earl von Ravenglass, strotzte nur so von Humor. Er war mir auf Anhieb am Sympathischsten. Er wusste beinahe jede Situation aufzulockern. Aber das macht die anderen Figuren nicht weniger interessant, denn es gab – bis auf die Antagonisten – keine Figur, die ich nicht mochte. Jeder hatte seine Eigenheiten und wusste seine Wesenszüge einzubringen. Rayne ist zum Beispiel eine schöne starke Protagonistin, die manchmal etwas zu dominant im Umgang mit Männern wurde. Besonders wenn es ihre Patienten waren. Ich hätte gedacht, dass ich schnell durch dieses Buch kommen würde, weil mich die Geschichte von der ersten Seite an in ihren Fängen hatte. Allerdings genoss ich jede einzelne Seite so sehr, dass es mich etwas ausbremste. Schade finde ich allerdings, dass noch einige Wortfehler übersehen wurden. Da fehlte dann plötzlich ein Wort oder es war einfach ein Falsches oder gar doppelt. Das Korrektorat sollte da noch einmal drüber schauen und diese kleinen Fehler ausmerzen, denn beim Lesen stolperte man in dem Moment gerne darüber. Fazit Ich liebe diese Geschichte und ihre Figuren. Die Autorin hat einen köstlichen Humor, der beim Lesen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Persönlich würde ich mir noch eine Fortsetzung wünschen, jetzt wo ich alle Charaktere so ins Herz geschlossen habe. Aufgrund der Wortfehler kann ich der Geschichte leider nicht das extra Sternchen zu der vollen Punktzahl schenken.
Von: Sick 26.12.2015
Rayne hat mit ihrem Leben abgeschlossen. Die Schmerzen und die Demütigungen der letzten Tage haben sie gleichgültig werden lassen und beinahe sehnt sie den Tod schon herbei. Kurz bevor der Scheiterhaufen, auf dem sie steht, angezündet wird, unterbricht der Earl die Hinrichtung und nimmt Rayne mit. Er will sie nach Ravenglass bringen, an den Ort, den sie ihr ganzes Leben lang gemieden hat. Dort wurde Rayne geboren und von dort wurden sie und ihre Mutter vertrieben, kaum dass sie das Licht der Welt erblickt hatte. Rayne hat Angst davor, dass sie auch auf Ravenglass dem Misstrauen und der Gewalt ihrer Mitmenschen ausgeliefert sein wird, doch das Anliegen des Earls überzeugt sie mit ihm zu gehen. Nicholas möchte seinen jüngeren Bruder Jacob retten, der seit Wochen schwer krank ist. Er setzt alle seine Hoffnungen in Rayne, die mit ihrem Wissen über Heilkräuter schon vielen Menschen helfen konnte. Wird sie Jacob heilen können oder wird dieser seinem Vater in den Tod folgen? Die Handlung ist um 1604 herum in England angesiedelt. Der gegenwärtige König James ist genauso abergläubisch wie sein Volk und lässt "Hexen" gnadenlos verfolgen. Rayne ist dafür ein Paradebeispiel. Rote Haare, geboren in einer Gewitternacht und ziemlich selbstbewusst und gebildet für eine Frau, die in einer Hütte im Wald aufgewachsen ist. Ihre Mutter hat ihr alles beigebracht, was sie wusste und sie auch stets vor den Bewohnern der umliegenden Dörfer gewarnt. Und sie hat ihr eingebläut nie wieder Ravenglass zu betreten. Nicholas, der neue Earl und Herr der Burg, sieht in Rayne seine letzte Chance. Außerdem gibt er nichts auf Aberglauben und das dumme Geschwätz des Gesindes. Auch seine Schwester Joanna ist einfach nur froh, dass Rayne ihrem Bruder helfen will. Deshalb tun die beiden alles dafür, dass ihr Gast sich wohl fühlt und in Sicherheit ist. Vor allem der Schotte Niall, der mit Nicholas zusammen im Spanischen Krieg gekämpft hat, unterstützt sie dabei. Alle vier sind sehr sympathische Figuren, die ich gerne begleitet habe. Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich würde mir wünschen, noch mehr von ihnen zu lesen. Denn wenn es einen Makel an dem Buch gibt, dann ist es der, dass es leider zu kurz ist. Der flüssige und klare Erzählstil bewirkt, dass man nur so durch die Seiten fliegt. An Spannung wird nicht gespart, ebenso wenig wie an herzerwärmenden Szenen. Denn wider Erwarten sind nicht alle Menschen auf Ravenglass Rayne gegenüber misstrauisch und sie schafft es sogar ein paar Freunde und die Liebe zu finden. Somit ist "Der Ritter und die Bastardtochter" ganz klar ein historischer Roman, der trotz aller Grausamkeiten und Intrigen ans Herz geht.
Annika Dick

Annika Dick

Annika Dick wurde 1984 im Nordpfälzer Bergland geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und arbeitet heute in der IP-Abteilung einer Wirtschaftskanzlei. Das Erzählen und Niederschreiben von Geschichten hat sie schon in ihrer Kindheit fasziniert und seitdem nicht losgelassen.

1. KAPITEL

Rayne spuckte Blut aus. Ihr Blick folgte dem roten Tropfen auf dem Holzscheit zu ihren Füßen. Die Menge um sie herum schrie und geiferte. Sie konnten es kaum erwarten, sie brennen zu sehen.

Doch Rayne ignorierte ihre Worte. Womit sie den Hass der Leute verdient hatte, wusste sie nicht. Vorsichtig schaute sie auf und blickte über die Köpfe der Dorfbewohner zu den Ehrengästen, die auf einem kleinen Podium platziert wurden. Sie konnte die Gesichter von ihrer Position aus kaum erkennen, doch sie ahnte, mit welcher Freude der Mann auf der linken Seite zu ihr herüber sah. Womit sie seinen Hass verdiente, wusste sie erst recht nicht. Ihr Leben lang hatte sie sich von ihnen ferngehalten. Es war eine einfache Lektion gewesen, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte: Halte dich von der Burg fern und von allen, die darin leben. Rayne hatte sie stets befolgt und doch schien es nicht genug gewesen zu sein. Erinnere ich dich so sehr an die Vergehen deines Vaters, dass du mich hasst?, fragte sie sich, während ihr Blick auf dem Mann haften blieb. Nein, das konnte sie sich kaum vorstellen. Nach dem, was sie über Henry Bewley gehört hatte, stand er seinem Vater an Grausamkeit in nichts nach. Es war gut, dass er nicht auf Ravenglass thronte. Nicht, dass es ihr jetzt noch helfen würde, aber es war ein kleiner Trost. Selbst ihr Tod würde nichts daran ändern, dass ihm die Königin sein Erbe für immer genommen hatte.

Ihre Beine schmerzten. Man hatte ihre Hände so weit über ihrem Kopf festgebunden, dass sie auf ihren Zehen stehen musste. Ihre Arme spürte sie seit einigen Minuten schon nicht mehr. Bald würde sie gar nichts mehr spüren. All die Schmerzen, die man ihr in der letzten Woche beigebracht hatte, um von ihr das Geständnis zu erpressen, dass sie eine Hexe war, würden vergangen sein. Doch vorher würde sie noch unerträglichere Schmerzen erleiden müssen.

Rayne hatte immer Respekt vor dem Feuer gehabt. Nun fürchtete sie es. Ihr Herz schlug schneller, als sie sah, wie Männer Fackeln entzündeten. Für einen Moment verstummten die Stimmen der anderen Menschen. Oder war nur das Rauschen in ihren Ohren zu laut? Ein rauchiges Wimmern drang an ihr Ohr, und Rayne brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass es ihre eigene Stimme war.

Seit zwei Tagen hatte man ihr Wasser verweigert. Seitdem feststand, dass sie brennen würde. Sie hatte sich nicht schuldig bekannt. Hexen gab es nicht. Es war nur ein Begriff, mit dem die Dorfbewohner diejenigen benannten, die sie aus dem Weg schaffen wollte. Doch vor zwei Tagen hatte sie die Kraft verloren, sich zu verteidigen. Sie hatte das Bewusstsein verloren. Die Peitschenhiebe auf ihrem Rücken, die Folterungen und Schläge, der Verzicht auf Nahrung, auf Licht und Bewegung, das alles hatte seinen Tribut gefordert. Dass es in dem Augenblick geschah, als der Priester ihre Zelle betrat, wurde ihr als Schuldanerkenntnis ausgelegt. Zum Glück musste ihre Mutter sie jetzt nicht sehen.

„Sofort aufhören!“ Eine neue Stimme übertönte das Rauschen, das sich in ihrem Kopf ausgebreitet hatte. Erde flog auf, als zwei schwarze Pferde auf den Marktplatz trabten. Schweigen legte sich über die Menge, und dieses Mal war sich Rayne sicher, dass es nicht an ihrem Gehör lag. Nach einem Moment der Verwirrung erhob sich ein unverständliches Gemurmel unter den Umstehenden, doch sie machten den beiden Reitern Platz. Rayne versuchte, einen Blick auf das Podium zu werfen. War dies Teil des Spektakels? War eine Hexenverbrennung schon zu gewöhnlich geworden?

Offensichtlich nicht, denn die beiden Männer auf dem Podium gestikulierten wild und scheinbar aufgebracht mit den Männern, die die Fackeln hielten. Aufhören wollten sie auf keinen Fall. Doch keiner wagte, die Fackeln auf den Scheiterhaufen zu werfen.

„Allmächtiger.“ Eine Frau bekreuzigte sich und machte einen weiteren Schritt zurück, als einer der Reiter sein Pferd bis an den Scheiterhaufen heranführte. Rayne musste ihr widersprechen. Wenn noch irgendjemand in diesem Dorf an ihre Unschuld geglaubt hatte, so war dieser Gedanke verflogen. Denn der Mann, der vor ihnen auf seinem Rappen saß, musste der Leibhaftige sein.

***

Nicholas fluchte und trieb sein Pferd noch einmal an, als er die Rufe der Menschen schon von Weitem hörte. Er sah sich nicht um, um zu sehen, ob Niall hinter ihm war. Er hatte keine Zeit zu verlieren.

Als er die Dorfmitte erreichte, stieß er einen noch derberen Fluch aus. Er war beinahe zu spät. Sie hatten die Frau, nach der er seit zwei Tagen gesucht hatte, bereits auf dem Scheiterhaufen festgebunden und waren dabei, diesen zu entzünden.

„Sofort aufhören!“, schrie er über das Kreischen der Menge hinab, die nach dem Tod des Mädchens gierte. Das Schweigen, das ihm augenblicklich entgegenschlug, nahm er mit grimmiger Genugtuung zur Kenntnis. Elende Narren. Man hätte jeden von ihnen in den Krieg gegen die Spanier schicken sollen, dann wäre ihr Blutdurst vielleicht gestillt.

Nicholas lenkte sein Pferd durch die Menge, die bereitwillig vor ihm Platz machte, und ritt näher an den Scheiterhaufen heran.

„Allmächtiger.“ Das Wort drang an sein Ohr und ließ ihn nur verächtlich schnauben. Wenn diese Person tatsächlich an ihn glaubte, sollte sie nicht in der ersten Reihe bei einem solchen abergläubischen Spektakel stehen. Nicholas schwang sein rechtes Bein über den Kopf seines Pferdes und war mit einem Satz aus dem Sattel auf den Scheiterhaufen gesprungen.

„Ihr seid Rayne?“, fragte er die junge Frau, die ihn aus grünen Augen ängstlich ansah. Zögernd bestätigte sie die Frage mit einem leichten Nicken. Nach den Spuren von Schlägen in ihrem Gesicht zu deuten, war das wohl die einzige Art, auf die sie ihm im Moment antworten konnte. Nicholas stieß den Atem aus und zog sein Schwert, um die dicken Seile, die ihre Hände hielten, durchzuschlagen. Ihre Augen weiteten sich beim Anblick des blanken Stahls, und Nicholas unterdrückte einen weiteren Fluch. Sie jetzt anzuschreien, dass er sie nicht umbringen wollte, hätte ohnehin keinen Zweck. Als sie entkräftet zusammenbrach, nachdem die losen Fesseln sie nicht länger hielten, fing er sie auf und trug sie zu seinem Pferd. Niall hatte zu ihm aufgeschlossen und hielt Nicholas’ Pferd an den Zügeln, worauf dieser mit der angeblichen Hexe in den Armen aufsaß. Ein Blick in ihr Gesicht sagte Nicholas, dass sie das Bewusstsein verloren hatte. Nicht, dass er es ihr verdenken konnte. Er lenkte sein Pferd durch die Menge und wollte nur noch aus diesem Dorf verschwinden. Doch ein Mann stellte sich ihm in den Weg, der zumindest der Kleidung nach nicht zu diesen Dorfbewohnern gehörte.

„Was erlaubt Ihr Euch? Diese Frau ist der Hexerei für schuldig befunden worden und zum Tode verurteilt. Wer glaubt Ihr, seid Ihr, dass Ihr gegen dieses Urteil verstoßen dürft?“ Der Mann reckte sein Kinn und griff nach den Zügeln von Nicholasʼ Pferd.

Nicholas zog abschätzig die Oberlippe ein Stück nach oben und sah zu dem blonden Mann herab. „War es ein Urteil des Königs?“

Er kannte die Antwort bereits. James war ein Freund der Hexenprozesse, aber momentan hatte er andere Sorgen, als selbst das Urteil über eine einfache Frau zu sprechen.

„Nun, nein, aber …“, setzte der Mann zu seinen Füßen an, doch Nicholas hatte genug gehört.

„Dann nehme ich mir das Recht heraus, diese Narretei zu beenden“, stieß er hervor und entriss dem Mann die Zügel.

„Wer glaubt Ihr, dass Ihr seid?“, fragte dieser und zitterte fast vor Wut.

„Der Earl of Ravenglass, und Ihr tut gut daran, auf meinen Ländereien keine weiteren Hexenverbrennungen mehr durchzuführen.“ Mit diesen Worten ließ er den Mann endgültig stehen und galoppierte aus dem Dorf. Dieser Unsinn hatte ihn bereits genug gekostet. Er wusste nicht, wie viel Zeit Jacob noch blieb, und diese Hexenjagd hatte ihm bereits zwei wertvolle Tage gestohlen.

Niall schloss zu ihm auf, und die beiden trieben ihre Pferde an. Schweigend ritten sie nebeneinander her, bis Ravenglass bereits gut erkennbar vor ihnen lag.

„Nicholas, halt an“, rief Niall ihm zu.

Nicholas sah fragend zu seinem Freund. Was um alles in der Welt sollte ihn zum Anhalten bringen?

„Halt schon an“, wiederholte der Schotte und zügelte seinen Rappen. Nicholas tat es ihm schließlich gleich und wandte sich ihm zu.

„Ist dein Pferd verletzt? Gibt es ein Problem? Wir müssen uns beeilen.“

Auf Nicholas’ Worte hin schüttelte Niall nur den Kopf und deutete auf das noch immer bewusstlose Bündel Mensch in den Armen des Earls. „Willst du so mit ihr in die Burg stürmen?“ Niall zog die Brauen hoch. Offenbar wartete er darauf, dass Nicholas seinem Blick folgte.

Mit gerunzelter Stirn sah der Earl auf die Frau vor sich. Das Hemd, das man ihr angezogen hatte, war wohl einmal weiß gewesen. Nun jedoch war es braun vor Dreck und getrocknetem Blut. Es reichte gerade einmal bis unter ihre Knie und zeigten ihre Beine, die ebenfalls verdreckt waren. Nicholas presste die Lippen aufeinander, als sein Blick auf ihr Gesicht fiel. Ihre rechte Wange wies einen leichten Grünton auf, der von einer verheilenden Misshandlung zu rühren schien. Ihre Lippe war ebenfalls verletzt. Er konnte die Farbe ihres Haars nicht benennen, gerade wirkte es wie ein stumpfes Braun. Doch auch hieran konnte er deutlich erkennen, in welcher Umgebung sie auf ihre Verurteilung gewartet hatte.

„Sie braucht ein Bad“, wies Niall ihn auf das Offensichtliche hin. „Und neue Kleidung.“

Nicholas hob langsam den Kopf und sah Niall an, als habe dieser den Verstand verloren, ehe er mit der linken Hand um sich zeigte.

„Natürlich, sagst du mir, welches der vielen Gasthäuser wir aufsuchen und welchen Schneider wir mit der sofortigen Herstellung eines Kleides beauftragen sollen?“ Nicholas schüttelte den Kopf und schaute auf die Burg, die sich vor ihnen erhob. Dann fiel sein Blick wieder auf die Frau, die er vor einer Stunde vor dem Tod bewahrt hatte. Niall hatte recht, so ungern er dies auch zugab. Nicholas fluchte leise, als der Schotte sein Pferd langsam an ihm vorbeilenkte.

„Sie dürfte so groß wie deine Schwester sein, sicher wird sie ein altes Kleid von sich erübrigen können, und du suchst in der Zwischenzeit nach einem Bach oder einem See oder irgendeiner Wasserquelle, an der sie sich waschen kann.“

Niall wollte schon losreiten, als Nicholas ihm noch zurief, seit wann er die Befehle gab.

„Seitdem ich den klareren Verstand habe. Und nun kümmere dich um sie. Tot kann sie nämlich deinem Bruder auch nicht mehr helfen.“ Sofort trieb Niall sein Pferd wieder in den Galopp.

Nicholas sah ihm einen Moment lang kopfschüttelnd nach, ehe er dem Rat folgte und sein Pferd wendete, um nach einer geschützten Wasserstelle zu suchen.

***

Das Plätschern von Wasser in ihrer Nähe war das erste Geräusch, das Rayne vernahm. Zaghaft wagte sie es, die Lider zu öffnen. Warme Sonnenstrahlen schienen hier und da durch die Blätter der Baumkronen bis zu ihr herab. Für einen Moment blieb sie einfach liegen und blinzelte in das grüne Dach des Waldes über sich. Hatte sie geträumt?

„Wie geht es Euch?“

Als sie die Stimme hörte, weiteten sich ihre Augen. Hastig setzte sie sich auf und starrte zu dem Unbekannten hinüber. Das bereute sie im nächsten Augenblick, als eine heftige Welle des Schmerzes durch ihren Körper zog. Doch ohne zu wissen, wer dieser Fremde war und was er von ihr wollte, war sie nicht bereit, eine Schwäche zu offenbaren. Er saß mit dem Rücken an einen Baum gelehnt und beobachtete sie.

Er zog die Brauen hoch, als Rayne ihn schweigend ansah. Auf dem Scheiterhaufen hatte sie ihn für den Leibhaftigen gehalten, erinnerte sie sich. So abwegig erschien ihr der Vergleich noch immer nicht. Es waren seine Augen, entschied sie. Sie waren grau, aber dabei so hell, dass sie fast blind wirkten. Eine Narbe verlief über seine linke Schläfe und Wange, ließ das Auge jedoch unversehrt. Als er das Schwert gezogen hatte, dachte sie, er würde sie töten und ihre Seele mit in die Hölle nehmen. Danach erinnerte sie sich an nichts mehr.

„Wo sind wir?“, brachte sie krächzend hervor und suchte mit den Händen nach etwas, um sich im Notfall verteidigen zu können. Als sie die rechte Hand um einen Stein schloss, folgte sein Blick ihrer Bewegung und er runzelte die Stirn.

„In einem Wald in der Nähe von Ravenglass“, erwiderte er ruhig und deutete dann in Richtung des Steins. „Wenn ich Euch töten wollte, hätte ich Euch in Greystone gelassen.“

Rayne sah ihn nur schweigend an, ihre Hand rührte sich nicht von dem kalten Stein. Männer konnten mehr, als nur töten. Sie mochte fernab von ihnen aufgewachsen sein, aber sie war weder naiv noch dumm.

„Wer seid Ihr?“, fragte sie und hustete, da sich ihr Hals gegen die Anstrengung sträubte. Sie erinnerte sich, dass er ihren Namen gekannt hatte. Woher?

„Ich bin Nicholas Kendall, Earl of Ravenglass“, stellte er sich vor und erhob sich. „Ihr solltet trinken und Euch waschen, so gut das hier geht. Niall sollte bald mit einem neuen Kleid für Euch zurückkehren. Dann können wir weiterreiten.“

Raynes Finger klammerten sich um den Stein und nahm ihn mit, während sie rückwärts in Richtung des Bachlaufs robbte. Sie sah, wie der Earl unwillig die Stirn runzelte, doch er sagte nichts dazu, dass sie nicht von ihrer einzigen Verteidigungswaffe abließ. Sie bemühte sich, ihn wenigstens aus den Augenwinkeln beobachten zu können, solange sie sich vorsichtig über den Bach beugte und mit der linken Hand Wasser an ihre Lippen führte. Sie konnte ein Seufzen nicht unterdrücken, als die ersten Tropfen ihre ausgetrockneten Lippen berührten. Hastig trank sie Schluck um Schluck, bis sich ihre Kehle ein wenig besser anfühlte. Salbei würde ihr helfen, doch bis sie wieder an ihre Kräuter käme, musste ihr das Wasser alleine reichen. Als sie sich sicher war, sprechen zu können, ohne dabei durch ihr Husten unterbrochen zu werden, wandte sie sich dem Fremden zu.

„Weiterreiten? Wohin?“, fragte sie und hielt ihre linke Hand tiefer ins Wasser. Es kühlte so angenehm auf ihrer Haut. Das Taubheitsgefühl in ihrem Armen wich allmählich einem dumpfen Schmerz. „Ich will nur nach Hause“, setzte sie hinzu und reckte ihr Kinn.

Der Earl hatte ihr den Rücken zugewandt, drehte sich aber bei ihren letzten Worten wieder zu ihr um und runzelte die Stirn.

„Nach Hause?“, fragte er, als sei es das Unverständlichste, was sie hätte sagen können. „In Eure Hütte im Wald? Oder das, was davon übriggeblieben ist?“

Rayne spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich und ihr schwindlig wurde.

„Was soll das heißen?“ Erneut klang ihre Stimme brüchig, doch dieses Mal konnte sie es nicht auf ihre trockene Kehle zurückführen. Es lag vielmehr an der eiskalten Hand, die sich um ihr Herz schloss und drohte, jeden Moment zuzudrücken.

„Dass die Hütte nicht mehr existiert. Sie ist niedergebrannt worden. Ebenso wie die umliegenden Sträucher.“ Seine Stimme klang ruhig, wurde beinahe mitleidig.

Rayne rang nach Atem. Die kalte Hand schloss sich erbarmungslos fester um ihr Herz. Ihr Zuhause … zerstört. Alles, was sie besaß, war dort gewesen, all ihre Erinnerungen verband sie mit diesem Flecken Erde. Alles verbrannt. Sie sank in sich zusammen, ließ den Stein in ihrer Hand ins Wasser gleiten und starrte ins Leere. Sie hörte nicht, wie der Earl zu ihr ans Bachufer trat und sich vor ihr in die Hocke begab. Erst, als er ihr etwas entgegenhielt, fanden ihre Gedanken in die Gegenwart zurück.

„Das war alles, was dort noch zu finden war. Es tut mir leid.“ Seine Stimme klang aufrichtig. So aufrichtig ein Mann von Adel sein konnte. Rayne streckte die zitternden Finger nach den beiden Metallstücken in seiner Handfläche aus.

Das Kreuz ihrer Mutter. Zerbrochen, so wie alles, was ihr etwas bedeutet hatte. Das Metall hatte gelitten, war nicht nur in der Mitte gebrochen, sondern auch beinahe schwarz geworden. Doch die blauen Glassteine waren noch alle vorhanden. Das Kreuz war nichts Besonderes, ein Anhänger, den ihre Mutter als Kind von ihrem Großvater, einem Schmied, bekommen hatte, aber es war alles, was ihr von ihr geblieben war. Rayne schloss die Finger um die beiden Bruchstücke und bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten.

„Wascht Euch, ich warte dort vorne auf Niall, Ihr seid ungestört.“ Noch immer war seine Stimme leise. Er erhob sich und ließ sie allein. Rayne folgte ihn mit dem Blick, doch er drehte ihr wieder den Rücken zu. Vorsichtig legte sie das zerbrochene Kreuz ins Gras, abseits des Baches, damit es ihr nicht aus Versehen ins Wasser gleiten konnte. Mit vorsichtigen Bewegungen begann sie, sich die Arme und das Gesicht zu waschen. Sie wagte nicht, das Sünderhemd auszuziehen. Auch wenn es schmutzig war, so war es doch der einzige Schutz, den sie derzeit hatte. Während sie ihre Haare in das Wasser des Baches tauchte, um den Schmutz von einer Woche in dem düsteren Kerkerloch auszuwaschen, erinnerte sie sich daran, dass er ihre Frage nicht beantwortet hatte.

„Wohin weiterreiten?“, fragte sie daher noch einmal, laut genug, dass er sie hören musste. Dieses Mal drehte er sich nicht zu ihr um, sondern rief einfach über seine Schulter.

„Nach Ravenglass natürlich, wohin sonst?“

Wohin sonst. Er hörte sich an, als wäre es das Selbstverständlichste, dass sie in die Burg reiten sollte, die sie von jeher gemieden hatte. Die Burg, in der sie selbst geboren worden war, als uneheliches Kind Oliver Bewleys, als Hexenkind.

Nun, die Bewleys lebten nicht mehr auf Ravenglass, aber die meisten der Bediensteten waren noch die gleichen, die ihre Mutter dazu gebracht hatten, die Burg zu verlassen.

***

„Nein.“ Ihre Stimme war mehr ein Keuchen, doch es drang bis zu Nicholas, der sich überrascht umdrehte, die Hand an seinem Schwertgriff. Sie blickte entsetzt zu ihm auf und schüttelte das nasse Haar, das nun noch dunkler wirkte.

„Nein?“ Er sah sie verblüfft an. Was meinte sie mit Nein?

„Nein!“, wiederholte sie und reckte erneut ihr Kinn.

Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Ich glaube, Ihr missversteht die Situation“, begann er, doch die junge Frau schüttelte vehement den Kopf.

„Ich glaube, Ihr missversteht“, entgegnete sie kühl. „Ravenglass ist kein Ort, den ich je betreten werde. Die Bewleys …“

„Sind seit zehn Jahren nicht mehr die Earls of Ravenglass und auf der Burg zu Hause“, beendete Nicholas ihren Satz. Mit zusammengepressten Lippen sah sie ihn an. War dies wirklich die Frau, mit der er eben noch Mitleid empfand, als er ihr davon erzählt hatte, dass ihr Zuhause vernichtet worden war? Das Häufchen Elend, das sie gerade noch abgegeben hatte, schien mit dem Schmutz aus ihrem Haar und ihrem Gesicht gewaschen worden zu sein. Ein schönes Gesicht, musste er widerwillig zugeben.

„Ich weiß nicht, was die Bewleys Euch angetan haben …“ Sie unterbrach ihn mit einem Schnauben, und er zog die Brauen hoch. „Aber Ihr könnt Euch sicher sein, dass sie Euch auf Ravenglass nichts tun können.“

„Und wieso sollte ich mit Euch nach Ravenglass kommen? Ihr beschützt mich doch nicht aus reiner Herzensgüte.“ Sie musterte ihn misstrauisch, und Nicholas musste seine Meinung über sie revidieren. Eben noch war er bereit gewesen, sie töricht zu nennen, doch sie war vernünftiger, als er geglaubt hatte. Vernünftig genug jedenfalls, um zu wissen, dass einem im Leben nichts geschenkt wurde.

„Ihr seid eine Heilerin, heißt es, das stimmt doch?“ Wieder war ihr Nicken die einzige Antwort, mit der sie ihn bedachte, doch dieses Mal kam es nicht zögerlich. Er glaubte sogar, einen gewissen Stolz in ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen.

„Mein Bruder ist krank, keiner weiß, was ihm fehlt. Helft ihm. Heilt meinen Bruder, und Ihr werdet unter meinem persönlichen Schutz stehen. Eure Hütte wird wieder aufgebaut, und Ihr könnt dorthin zurückkehren und tun und lassen, was Ihr wollt.“

Sie verzog die Lippen. Ihr Blick blieb auf ihm haften. Sie schwieg. Nicholas bemühte sich, ruhig zu bleiben. Am liebsten hätte er sie geschüttelt, bis sie ihm eine Antwort gab.

„Was ist, wenn ich ihm nicht helfen kann? Nicht jede Krankheit kann man heilen“, gab sie zu bedenken, und Nicholas musste erneut ihren Verstand bewundern. Auch wenn es ihm dieser nicht gerade einfacher machte. Er schwieg. Für einen Moment erwog er, ihr zu sagen, dass er sie dann nach Greystone zurückbringen würde, doch er hielt nichts davon, leere Drohungen auszustoßen. Niemals würde er einen Unschuldigen zum Tode verurteilen. Mochte dieser Mensch auch noch so sehr an seinen Nerven zehren.

„Ihr habt nicht wirklich eine andere Wahl, und das wisst Ihr“, sagte er schließlich und sah, wie sie zusammenzuckte. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, dass Niall zurückkam, doch er wandte seinen Blick nicht von der jungen Frau am Bachufer ab.

„Nun?“

„Ihr sagtet doch gerade, dass ich keine Wahl habe“, entgegnete sie. „Wofür soll ich dann noch antworten?“ Nachdem Nicholas sie mit einem weiteren finsteren Blick bedachte, seufzte sie und fuhr sich mit der rechten Hand über das linke Handgelenk.

„Ja, ich helfe Eurem Bruder“, rief sie ihm schließlich zu, als Niall sein Pferd gerade neben ihm zum Stehen brachte.

2. KAPITEL

Nur widerwillig nahm Rayne das Kleid entgegen, das der Earl of Ravenglass ihr brachte, doch sie widersprach nicht, als er sie aufforderte, sich umzuziehen. Selbst wenn das blaue Gewand feiner war als alles, was sie je in Händen gehalten hatte, und obwohl es ihr nicht zustand, ein solches Kleid zu tragen, wusste sie, dass sie Ravenglass unmöglich in ihrem verschmutzten Sünderhemd betreten konnte.

Den Blick auf die beiden Männer gerichtet, die mit dem Rücken zu ihr standen, zog sie das einstmals weiße Hemd über den Kopf und unterdrückte dabei ein schmerzerfülltes Stöhnen, als sie den Stoff von ihrem Rücken zog. Das Blut ihrer Wunden war getrocknet und hatte das einzige Kleidungsstück, das man ihr zugestanden hatte, an ihre Haut geheftet. Es nun davon zu trennen, bereitete ihr große Schmerzen.

Rayne biss sich auf die Lippe, um ihre Qualen nicht zu verraten. Der Wald vor ihr verschwamm für einen Augenblick, und sie schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, fiel ihr Blick auf den Earl, dessen Schultern sich anspannten. Was auch immer sein Freund zu ihm gesagt hatte, gefiel ihm nicht. Das schien den blonden Mann jedoch nicht davon abzuhalten, weiter auf den Earl einzureden. Rayne nutzte diese Beobachtung, um sich von ihren Schmerzen abzulenken, und zog sich das neue Unterkleid über den Kopf, ehe sie das feine blaue Kleid darüber anzog. Sie fuhr sich mit den Händen durchs Haar, doch es gelang ihr nicht, die Knoten zu lösen, die sich in den Tagen ihrer Gefangenschaft darin gebildet hatten. Es bräuchte mehr als ein Bad im Fluss, um dem Abhilfe zu verschaffen. Für den Moment musste es genügen, dass sie den Dreck und das Blut hatte auswaschen können. Sie glaubte ohnehin nicht, lange auf Ravenglass zu verweilen. Der Earl würde seinen Fehler bald einsehen. Sie hatte auf der Burg nichts verloren. Sie wusste es, die Bediensteten der Burg wussten es, der Earl würde es bald herausfinden.

Langsam kam sie den Hang vom Flussufer hinauf und räusperte sich leicht, um ihre Anwesenheit den beiden Männern zu verkünden. Der blonde Freund des Earls wandte sich mit einem Lächeln zu ihr um und musterte sie von Kopf bis Fuß, ehe er mit einem Zungenschnalzen zu seinem Pferd ging und etwas aus seiner Satteltasche nahm.

„Die hätte ich fast vergessen. Wir können Euch natürlich nicht barfuß in die Burg einreiten lassen, Lady …“

„Rayne. Nur Rayne“, erwiderte sie und nahm die Schuhe, die er ihr reichte, entgegen. Es waren Schuhe einer Dame, einer Burgherrin, wie das Kleid, das sie trug.

„Man könnte mich wieder ins Verließ werfen, allein weil ich diese Kleidung trage.“ Aus den Augenwinkeln nahm Rayne wahr, wie der Earl sich erneut verspannte und zu ihr herübersah.

„Wir müssen weiter“, sagte er nur und griff nach Raynes Ellbogen, um sie zu seinem Pferd zu führen. Immer wieder hörte Rayne die warnenden Worte ihrer Mutter, während sie sich vom Earl auf sein Pferd helfen ließ, und wartete, bis er hinter ihr aufsaß. Halte dich von der Burg fern. Nichts Gutes wartet in diesen Mauern. Für Menschen wie uns ist dort nur Unheil zu finden.

Rayne kämpfte gegen die Angst an, die sich in ihr ausbreitete, als sie ihren Weg durch den Wald fortsetzten. Sie drückte ihren Rücken durch, damit der Earl ihren geschundenen Rücken nicht berührte. Sobald sie Zugang zu Kräutern hatte und sich eine Salbe herstellen konnte, würde sie sich um ihre Verletzungen kümmern.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, nachdem sie den schützenden Rand des Waldes hinter verlassen mussten und über die offenen Felder und Wiesen galoppierten. Zu schnell näherten sie sich Ravenglass, und immer lauter kamen ihr die Warnungen ihrer Mutter in den Sinn. Sie würde sich im Grabe umdrehen, wüsste sie, dass ihre Tochter sich auf dem Weg in eben jene Burg befand, die ihnen beiden so großes Unrecht angetan hatte. Verzeih mir, Mutter, dachte Rayne und hielt sich an dem Gedanken an den kranken Bruder des Earls fest. Im Sterben waren sich alle Menschen gleich, der einfachste Bauer wurde eins mit dem mächtigsten König. Sie alle wurden eines Tages vor den Allmächtigen gerufen. Rayne konnte nur darauf hoffen, dass der Herr ihr die Kraft geben würde, den Kranken zu heilen.

***

Als sie durch das Burgtor ritten, wagte Rayne nur einen kurzen Blick auf die Gesichter der Menschen, die auf dem Burghof ihrer täglichen Arbeit nachgingen. Die erste, die sie erblickte, war eine alte, beleibte Frau, die einen Korb in der Hand trug. Ihre Augen weiteten sich, als sie Rayne sah, und der Korb fiel zu Boden. Eier zerbrachen, einige rollten über den Boden. Rayne senkte den Blick. Sie hatte es gewusst.

„Es ist ein Fehler“, flüsterte sie, doch der Earl antwortete ihr nicht. Konnte er denn nicht sehen, was um sie herum geschah? Hörte er nicht, wie alles um sie herum verstummte?

„Ich fürchte fast, deine Untertanen sind ebenso abergläubisch wie die Dorfbewohner“, raunte sein Freund ihm zu, der sein Pferd nah an den Rappen des Earls führte.

„Was für ein Unsinn!“, widersprach der Earl und hielt sein Pferd an. Mühelos ließ er sich vom Rücken des schwarzen Tieres gleiten und reichte Rayne seine Hand, um auch ihr abzuhelfen.

„Ich warnte Euch. Ich gehöre nicht hierher. Sie alle wissen es.“

Tatsächlich näherte sich keiner der Umstehenden den Neuankömmlingen. Nicht einmal ein Stallbursche tauchte auf, um die beiden Pferde der Edelmänner abzunehmen. Rayne spürte die Blicke der Bediensteten auf sich ruhen und versuchte, ein Zittern zu unterdrücken. Sie würde ihnen nicht zeigen, dass sie sich vor ihnen fürchtete. Vor ihnen und dem, was sie mit ihr tun konnten. Vor ihren Schlägen und dem Feuer, auf dem sie sie brennen sehen wollten.

„Wo zum Teufel ist Borin? Er sollte sich um die Pferde kümmern und …“

„Nicholas.“

Rayne hörte eilige Schritte, die sich ihnen näherten. Eine junge Frau, nur wenig jünger als sie selbst, kam von Haupthaus der Burg auf sie zugelaufen.

„Rulf sagte, du wolltest Hilfe für Jacob holen.“ Ihr Blick blieb auf Rayne haften, und sie lächelte ihr zaghaft zu.

„Joanna, das ist Lady … Woodcross.“

„Rayne. Einfach nur Rayne“, korrigierte Rayne den Earl und machte vor Joanna einen Knicks.

Lady Woodcross wird nach Jacob sehen und hoffentlich herausfinden, welche Krankheit ihn plagt.“ Die Stimme des Earls wurde lauter. Rayne wandte sich zu ihm um und funkelte ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

„Ich zeige Euch das Zimmer meines Bruders, während man Euer Schlafzimmer herrichten lässt, Mylady.“ Joannas Hand, die nach ihrem Arm griff und sie sanft mit sich zog, hielt Rayne davon ab, dem Earl zu sagen, was sie von diesem lächerlichen Titel hielt. Niemand hier würde sie als Lady bezeichnen − und niemals könnte sie eine solche Rolle tatsächlich spielen. Joanna, die offensichtlich eine wirkliche Lady war, musste blind und taub sein, wenn sie nicht bis zum Abendessen erfuhr, wer Rayne tatsächlich war – und wofür man sie hielt.

„Ihr müsst meinem Bruder verzeihen, er war lange weg und ist der Überzeugung, dass alles nach seinem Willen geschehen muss, nun da er das Erbe unseres Vaters antreten muss. Wenn er glaubte, er könnte ihn hören, würde er Jacob sogar befehlen, wieder gesund zu werden.“ Ein Schmunzeln legte sich um die Lippen der jungen Frau, das ihrem Gesicht eine Sanftheit verlieh, die so gänzlich anders war als die Kälte, die Rayne in deren Bruder sah.

„Mein Kleid steht Euch übrigens vorzüglich. Das Blau bringt Euer rotes Haar wundervoll zur Geltung.“

„Es tut mir leid, dass es Euch meinetwegen entwendet wurde. Ich werde es sofort …“

„Nichts werdet Ihr“, unterbrach Joanna sie und nahm ihre linke Hand zwischen ihre beiden Hände und drückte sie. „Wie gesagt, es steht Euch ausgezeichnet, und wenn Nicholas darauf beharrt, Euch als Lady Woodcross hier auf Ravenglass vorzustellen, solltet Ihr entsprechend angezogen sein.“

Rayne sah die junge Dame nachdenklich an.

„Ihr wisst, wer ich bin“, stellte sie schließlich fest.

Joanna nickte und schenkte ihr erneut ein Lächeln, während sie Rayne die steinerne Treppe zum Haupthaus hinaufführte.

„Mein Bruder hat lange im Krieg gegen die Spanier gekämpft. Er ist sicherlich der einzige, der nicht weiß, wer Ihr seid.“

„Und dennoch empfangt Ihr mich ohne Vorbehalt.“

„Wie Ihr schon sagtet, ich weiß, wer Ihr seid. Wenn es jemanden gibt, der Jacob noch helfen kann, dann seid Ihr es. Ich wünschte nur, wir hätten Euch schon gerufen, als es unserem Vater so schlecht ging.“

„Euer Vater litt unter der gleichen Krankheit? Aber außer den beiden ist niemand befallen?“

Joanna schüttelte den Kopf und ging mit Rayne an ihrer Seite durch die große Halle der Burg, bevor sie die Treppe hinauf in den oberen Stock stiegen, in dem die Gemächer der Familie untergebracht waren.

Rayne ließ sie vorangehen und folgte ihr in einen abgedunkelten Raum. Schwere Vorhänge verdeckten die Sicht nach draußen. Nur das schwache Licht einiger weniger Kerzen erhellte den Raum. Rayne brauchte einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen.

Ein Husten zog ihre Aufmerksamkeit auf die Mitte des Zimmers, in der das Bett des Kranken stand. Zielstrebig schritt Rayne auf das erste Fenster des Zimmers zu.

„Was tut Ihr?“, fragte Joanna verwirrt und folgte ihr, als Rayne die schweren Vorhänge zur Seite zog und das Fenster öffnete, um Licht und frische Luft ins Zimmer zu lassen.

„Ich lasse die schlechte Luft und die Dunkelheit hinaus. Wenn Euer Bruder genesen soll, braucht er Licht und Luft zum Atmen. Auch die Vorhänge an seinem Bett müssen zurückgeschlagen werden.“ Kaum hatte sie dies gesagt, ließ sie ihren Worten Taten folgen und zog die Vorhänge um das Bett herum auf. Erst dann kehrte sie an die Seite ihres Patienten zurück und sah ihn sich an.

Schweißperlen rollten über seine Stirn, das dunkle Haar klebte an seinem Gesicht. Unruhig hob und senkte sich die Brust des jungen Edelmannes, während seine Augen geschlossen blieben. Als Rayne ihm eine Hand auf die Stirn legte, entrang sich seiner Kehle ein leises Seufzen.

„Wir haben versucht, das Fieber zu senken, doch es will uns nicht gelingen. Ich bin schon froh, dass ich ihm jeden Tag etwas Suppe zu Essen geben kann. Bitte, sagt mir, ob Ihr ihm helfen könnt.“

Rayne sah sich den jungen Mann noch einen Moment lang nachdenklich an, ehe sie sich an Joanna wandte.

„Ich werde mein Bestes tun, aber ich werde euch keine Versprechungen geben, die ich nicht halten kann. Ich brauche ein paar starke Männer, die ihn aus dem Bett heben können. Seine Laken müssen erneuert werden. Außerdem sollte Euer Bruder ein Bad nehmen, ehe er wieder ins Bett kommt.“

Schritte, die sich dem Zimmer näherten, ließen Rayne zur Tür blicken. Der Earl betrat den Raum und sah sie erwartungsvoll an.

„Ich brauche außerdem bestimmte Wildkräuter, von denen ich nicht annehme, dass ich sie in der Burgküche vorfinden werde.“

„Sagt mir welche, ich werde einige Männer schicken, um sie zu holen“, erwiderte der Earl, doch Rayne schüttelte den Kopf. Die Bewegung ließ ihr noch feuchtes Haar am Rücken über den Stoff ihres Kleides streichen. Die Nässe kühlte ihre Wunden und erlaubte es ihr, sich nicht bei jeder Bewegung vor Schmerzen auf die Zunge zu beißen, um sich nicht zu verraten.

„Es kostet unnötige Zeit, Euren Männern zu erklären, was ich brauche und wo es zu finden ist. Ich werde mich bei Morgengrauen in den Wald begeben und …“

„Ihr werdet die Burg nicht allein verlassen.“ Die Stimme des Earls ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht von seiner Entscheidung abzubringen war. Rayne straffte die Schultern und reckte das Kinn. Earl oder nicht, er würde ihr nicht im Weg stehen, wenn es darum ging, ein Menschenleben zu retten.

„Wenn Ihr einen Eurer Männer dazu bewegen könntet, mich zu begleiten, nur zu. Ich werde auf jeden Fall morgen früh nach den nötigen Kräutern suchen.“ Sie wandte dem Earl den Rücken zu und zog die Decke vom Bett.

„Wenn Ihr jetzt also bitte helfen würdet?“ Als sie keine Antwort erhielt, drehte sie sich noch einmal zu dem Burgherrn herum, der sie ansah, als habe sie den Verstand verloren.

„Helfen? Wobei?“

„Wie ich Eurer Schwester gerade erklärte, muss Euer Bruder das Bett verlassen, um ein Bad zu nehmen und in frische Laken gelegt werden. Er windet sich hier in seinem eigenen Fieber, das kann ihm nicht bekommen.“

„Ich lasse ein Bad für Jacob einlassen“, murmelte Joanna, und Rayne sah, wie die junge Frau ein Schmunzeln unterdrückte, während sie den Raum verließ.

„Was fehlt ihm?“, fragte der Earl, als er an das Bett seines Bruders herantrat und einen Arm unter dessen Schultern legte. Für einen Moment öffneten sich die braunen Augen des jungen Mannes. Ein Schleier schien über ihnen zu liegen, und er schloss sie sogleich wieder, ohne auf die Stimmen an seinem Bett zu reagieren.

„Ich kann keine Wunder vollbringen, Mylord. Euer Bruder kann an vielen Krankheiten leiden.“

„Die Kräuter, die Ihr braucht …“

„Werden ihm auf keinen Fall schaden und sollten ihm dabei helfen, das Fieber zu bekämpfen. Hebt ihn hoch. Bitte.“ Sie fügte das letzte Wort nachträglich hinzu, als ihr einfiel, mit wem sie gerade sprach.

Rayne kümmerte sich weiter um Jacobs Bett, bis Joanna − gefolgt von zwei Dienern, die einen Bottich für Jacobs Bad mit sich trugen − wieder das Zimmer betrat. Zwei Küchenmädchen schlossen sich mit dampfenden Wassereimern an. Die Diener beeilten sich, ihren Dienst im Zimmer zu verrichten und dieses wieder zu verlassen. Keiner von ihnen wagte, in Raynes Richtung zu sehen, und eines der Küchenmädchen bekreuzigte sich auf seinem Weg nach draußen. Rayne bemühte sich, sie zu ignorieren, während sie das Tuch von Joanna entgegennahm, das diese ihr mitgebracht hatte.

„Braucht Ihr noch etwas?“

„Nein, danke. Ihr könnt Euren Bruder hineinsetzen. Ich rufe Euch, wenn ich ihn gewaschen habe.“

Erneut sah der Earl sie an, als wolle er nicht recht glauben, was sie gerade gesagt hatte.

„Ihr wollt ihn baden?“

„Nun, wenn es Euch lieber ist, Mylord, könnt auch Ihr diese Aufgabe übernehmen. Meine Erfahrung jedoch hat mich gelehrt, dass Männer in Krankenzimmern recht ungeeignet sind. Daher würde ich empfehlen, dass Ihr Eure Schwester nun nach draußen begleitet und mich machen lasst, wofür Ihr mich geholt habt.“

***

Nicholas hörte die Tür hinter sich ins Schloss fallen und wusste nicht recht, wie ihm geschah. Diese Frau hatte ihn tatsächlich unter seinem Dach des Zimmers verwiesen. Noch dazu des Zimmers seines eigenen Bruders. Sie hatte mit ihm geredet, als sei er ein kleines Kind, das belehrt werden musste. Dabei sollte sie ihm dankbar dafür sein, dass er sie vom Scheiterhaufen und den geifernden Dorfbewohnern gerettet hatte.

Mit gerunzelter Stirn folgte er Joanna die Treppe hinab in die Halle. Er brauchte Luft, um seine Gedanken zu klären. Mit großen Schritten durchquerte er die Halle und verließ das Haupthaus der Burg. Sofort drang der Klang von Metall, das aufeinanderschlug, an sein Ohr, gefolgt von der herrischen Stimme Oscars, der schon ihm und Jacob den Schwertkampf beigebracht hatte.

Nicholas folgte den Geräuschen und sah zu, wie der alte Ritter den jungen Männern das Kämpfen beibrachte.

„Du siehst aus, als habe man dir gerade mitgeteilt, dass du zurück in die Schlacht reiten musst.“

Nicholas warf Niall nur einen kurzen Blick zu, ehe er sich wieder auf die Kämpfe vor ihnen konzentrierte. Widerwillig musste er einräumen, dass das Mädchen zumindest in einer Sache recht hatte: Männer waren nicht für ein Krankenzimmer geschaffen. Lieber wollte er mit einem Schwert in der Hand gegen die Spanier kämpfen, als oben in diesem muffigen Zimmer zu sitzen und darauf zu warten, was aus seinem Bruder wurde.

„Wie geht es Jacob?“

„Er wird gerade gebadet.“ Nicholas empfand eine gewisse Genugtuung darin, dass Niall ihm einen ebenso verwirrten Blick zuwarf, wie er es sicher getan hatte, als Rayne ihm erklärt hatte, was sie vorhatte. Baden. Wer hatte das schon einmal gehört? Was sie sich davon versprach, wusste er nicht, aber vielleicht würde es Jacob ja tatsächlich helfen. Was wusste er schon davon, wie man Kranke heilte? Er konnte einen Pfeil aus einer Wunde ziehen, sich um einen Schwerthieb kümmern. Kranke hingegen … nein, sie hatte recht, das war eine Aufgabe für Frauen.

Da traf sein Blick auf den seines alten Mentors, der ihm zunickte, seinen Schützlingen noch ein paar Anweisungen zurief, bevor er auf ihn und Niall zuging.

„Mylord.“

„Oscar. Wie ich sehe, machen sich die Jungen recht gut.“

„Ah, es ist immer dasselbe mit diesen Hitzköpfen. Man muss vor allem darauf aufpassen, dass sie sich nicht selbst das Schwert überziehen. Ihr und Euer Bruder wart nicht anders. Euer Vater, Gott hab ihn selig, hat jeden Tag gefragt, ob ihr noch beide Hände und Füße hättet, wenn euer Training beendet war.“

Nicholas konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen bei der Erinnerung an die unzähligen Schrammen, die Jacob und er schon von den ersten Übungen mit den hölzernen Stöcken davon getragen hatten. Von den Verletzungen, die sie sich später mit den richtigen Schwertern zufügten, ganz zu schweigen.

„Ich hoffe, Eurem Bruder geht es besser?“

Nicholasʼ Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war. „Er kämpft noch immer mit dem Fieber.“

Oscar fuhr sich mit einer Hand durchs ergraute Haar und blickte gen Himmel.

„Diese unnatürliche Hitze der letzten Tage hat ihm sicher nicht geholfen. Und kein Wölkchen am Himmel, das Milderung verspricht.“

„Ich hoffe auf mehr als auf besseres Wetter. Was mich daran erinnert, ich brauche einen Mann, der die Heilerin morgen früh in den Wald begleitet, wenn sie Kräuter sucht.“ Nicholas beobachtete, wie der ältere Mann sich anspannte. Seine Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie, die Augen hielt er starr auf die kämpfenden Männer gerichtet, sein Körper gespannt wie ein Bogen.

„Mylord, was das angeht … ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, diese Frau hier auf der Burg zu beherbergen. Schlimme Dinge geschehen in ihrer Anwesenheit.“ Nicholas warf ihm einen finsteren Blick zu und er hob abwehrend die Hände. „Ich sage ja nicht, dass sie tatsächlich eine Hexe ist, aber … es geschehen eben Dinge. Ich glaube nicht, dass ich einen der Männer dazu bringe, sie zu begleiten. Ich würde es ja selbst tun, wenn Ihr darauf besteht, nur …“

„Oscar …“

„Lass ihn“, unterbrach Niall und sah den alten Mann ungläubig an. „Ich begleite deine kleine Heilerin.“

Nicholas nickte Niall dankbar zu. Als sie sich umwandten, um zu gehen, glaubte Nicholas seinen Mentor etwas über Schotten, Hexen und den Untergang des englischen ...

Buch der Woche

Wintersonnenherz - Anna & Mark

Es ist ein regnerischer Dezemberabend, und Anna möchte nichts weiter, als es sich auf ihrem ...
Wintersonnenherz - Anna & Mark
4,99 €

Autorin des Monats

Hilga Höfkens

Hilga Höfkens wurde 1964 in Xanten geboren. Jetzt lebt und schreibt sie im Bergischen Land. Schon ...